Horst Evers. Tröstliche Lektüre

IMG_1072Wenn man mal eine kurze Pause vom Alltag braucht, ist Evers absolut tröstlich. Innerhalb von zwei oder drei kurzen Geschichten sind die kleinen Boshaftigkeiten des eigenen Lebens verblasst und man selbst mit dem Schicksal schon fast versöhnt. Mittlerweile teilt meine Tochter diese Vorliebe. Seit dem letzten Band („Für Eile fehlt mir die Zeit“) wissen wir, dass Google seine User an H.E. verweist, wenn sie googeln, warum Columbus den Weg nach Indien nicht gegoogelt hat.

Meine Tochter googelt fast alles, und zwar genau so: in ganzen Sätzen. Vor Jahren wäre ich verzweifelt. Heute funktioniert das. Manchmal bekommt man Angst, dass die eigenen Kinder nicht wirklich lebenstauglich sind, wenn sie aus dem Haus gehen. Sie können ja auch nichts im Lexikon oder im Telefonbuch finden. „Stadtplan“ und „Autoatlas“ sind Worte, die ihnen drei ??? über den Kopf zaubern. Dafür gibt´s doch Google Maps. Inzwischen verzichte ich selbst gern auf diese materialisierte Form von Wissen, die kiloweise in unsern Wohnungen lagert und einstaubt.

Dieses Jahr konnte ich mich endlich dazu entschließen, keine neuen Telefonbücher mitzunehmen, benutzt ja eh keiner. Und umwelttechnisch gesehen, sollte man sowieso aufhören, mit diesen alten Denkmustern zu arbeiten. Mein Sohn kommentiert derartige Materialverschwendung immer mit dem Satz: „Greenpeace wird dich dafür hassen.“ Scheint zu wirken.

Falls kein Endzeitszenario eintritt, das zum totalen Zusammenbruch der Zivilisation führt, werden unsere Pfadfindertugenden ohnehin nicht mehr gebraucht. Irgendwie ist es ja auch befreiend, den Kopf für anderes freizuhaben. Allerdings ist so eine ganz grobe Orientierung schon auch beruhigend. Manchmal wundere ich mich, wie sich meine Tochter eigentlich zurecht findet in der Stadt. Sie kommt ja immer an, ohne jegliche Kenntnis von Straßennamen oder Himmelsrichtungen.

Zurück zu Herrn Evers. Warum haben seine Geschichten so eine wohltuende Wirkung auf mich?

Ich denke, es liegt in der Erkenntnis, dass man nicht allein mit den Unbilden (man könnte auch von „Miesigkeiten“ sprechen, steht im DUDEN, `chschwöre.) des Alltäglichen kämpft. Seine komischen Szenen schildern den ganz normalen Wahnsinn in reinster Form. Wir sind also nicht allein. Alles halb so schlimm.

Sehr schön sind die regelmäßig wiederkehrenden Schilderungen seiner Arztbesuche, aus denen ich einen Satz zitieren möchte, der vielleicht Lust auf mehr macht. Vorsorglich versucht Evers, seiner neuen Ärztin ein Gesamtbild von sich zu vermitteln, damit… (hier das Zitat:)

„Damit Sie mich, wenn bei mir Selbstbild und Körperwirklichkeit immer weiter auseinanderklaffen, trotzdem bereitwillig, freundlich und anteilnehmend dorthin begleiten, von wo noch nie ein Mensch zurückgekehrt ist: ins Alter.“ (H.E. „Wäre ich du, würde ich mich lieben“, Geschichte aus gleichnamigem Band.)

Na, angebissen?

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3 Gedanken zu “Horst Evers. Tröstliche Lektüre

  1. Moooment !

    > Falls kein Endzeitszenario eintritt, das zum totalen Zusammenbruch der Zivilisation führt, > werden unsere Pfadfindertugenden ohnehin nicht mehr gebraucht.

    Wenn ich mir die Dokumentationen auf n-tv oder N24 anschaue, steht der Zusammenbruch unmittelbar bevor ! Meteoriteneinschläge, Gammablitze, Klimawandel sowieso, Umpolung des Erdmagnetfeldes, Invasion durch Außerirdische und andere Nettigkeiten. Mich beruhigt der Gedanke ein wenig, mit einem Telefonbuch unter dem Arm durch die Trümmerwüste zu irren statt ohne…..

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