Ordnung und Unordnung des Schreibens

filler-146473_640„Schreiben Tag für Tag“ von Christian Schärf ist Teil einer von Hanns-Josef Ortheil herausgegebenen Reihe über das Schreiben im Alltag. Es geht hier nicht um die Frage, wie man große literarische Werke verfasst. Darüber ist nun vermutlich auch schon genug geschrieben worden.

Thema der Reihe ist das Schreiben als tägliches Ritual, das einem inneren Bedürfnis entspringt und vom Schreibenden selbst vielleicht noch gar nicht reflektiert wurde. Und genau darum geht es in diesem Band, sich darüber klar zu werden, um welche Art von Text es sich bei den täglichen Notizen handelt.

Schärf fasst das Tägliche Notieren zunächst unter dem Begriff Tagebuch zusammen und führt dann – je nach Inhalt, Form und Motiv – Unterkategorien ein, die es dem Schreibenden ermöglichen, seine eigenen Notizbücher einzuordnen. Hier beginnt für den Leser, sofern er zu den Menschen gehört, die regelmäßig Notizbücher, Kalender oder Tagebücher füllen, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun. Während er als Schreibender nur einem inneren Bedürfnis nachgeht, Gedanken, Ideen oder Erlebnisse festzuhalten, gewinnt er in der Rolle des Lesers Abstand zu diesem Prozess. Indem er seine eigenen Notizen einer von Schärf aufgeführten Kategorie zuordnet, treten anhand von Textmerkmalen seine Motive für das Schreiben selbst zutage. Schärf führt für jeden Typ des Tagebuchschreibers Beispiele aus der Welt der großen Literatur auf, zitiert von Goethe bis Frisch und vermittelt so die unerwartete Erkenntnis, dass es für jede, aber auch wirklich jede Art des Notizenmachens prominenten Beistand gibt.

Allein die Tatsache, dass selbst meine völlig chaotisch geführten Notizbücher, deren mangelnde Systematik mich oft selbst verwirrt, für Schärf kategorisierbar sind, nämlich als sog. „anarchisches Notizbuch“, war eine befreiende Erkenntnis. Dass er mir dazu keinen geringeren als Gottfried Benn an die Seite stellt, ist eigentlich zuviel der Ehre. Letztlich habe ich das Buch zum Anlass genommen, mein wildes Notizenmachen doch noch einmal zu überdenken und mit etwas mehr System weiterzuführen. Allerdings scheint es mir doch nicht mehr gar so schlimm zu sein, dass das Chaos sein herausragendes Merkmal ist – immerhin wird dem Chaos ja ein gewisser Zusammenhang zur Kreativität zugeschrieben…

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5 Gedanken zu “Ordnung und Unordnung des Schreibens

  1. Das gefällt mir, ich schreibe auch immer und überall und leider auch völlig unkoordiniert auf alles, was beschreibbar ist. Das Buch von Christian Schärf habe ich auch gelesen. Mich hat es bestärkt, auch weiter wild zu notieren. 🙂

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