Wahnsinn: „Indigo“ – ein Roman von Clemens J. Setz

stairs-8443_640Clemens Setz hat einen eigenwilligen, spielerischen Umgang mit Sprache. Sofort zieht er den Leser in seinen Bann, nimmt ihn mit in die rätselhafte Welt seiner Protagonisten.  Doch wenn man meint, die Geschichte komme gerade in Fahrt, drosselt Setz das Tempo und richtet seinen Focus auf ein Detail, eine Nebenhandlung oder einen Gedanken, dem man gerade schon versucht war, Bedeutung beizumessen, da verschwindet er bereits wieder von der Bildfläche. Regelmäßig löst Setz entstehende Sinnzusammenhänge wieder auf und lässt den Leser mit derselben  Ratlosigkeit zurück, die auch unter seinen Protagonisten um sich greift.

Setz spielt mit der Sprache und dem Leser gleichermaßen. Er konstruiert Erzählstränge, nur um sie anschließend wieder zu dekonstruieren, ins Leere laufen zu lassen. Und das tut er mit einer solchen Sprachgewandheit und Rafinesse, dass man ihm gerne bis zum Ende die Treue hält, bis sich die letzte Hoffnung auf Sinnhaftigkeit in Luft auflöst und das ganze Ausmaß der Epidemie des Wahnsinns zutage tritt.

Worum geht es?

Kinder kommen mit einem Virus zur Welt, der sich auf die Menschen auswirkt, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung aufhalten. Diese bekommen Kopfschmerzen und Übelkeit. Und, sofern sie die unsichtbare Zone, welche die Kranken umgibt, nicht verlassen, steigern sich die Symptome bis zur Bewusstlosigkeit. Die Betroffenen selber zeigen psychische Auffälligkeiten, wobei nicht eindeutig ist, ob diese tatsächlich auf das Virus oder doch eher auf die absurden Bedingungen des Aufwachsens zurück zu führen sind. Die Kinder werden nicht vollständig isoliert, müssen aber zu allen anderen den symptomfreien Mindestabstand einhalten. Auch können die infizierten Kinder sich gegenseitig nicht vertragen, so dass jedes mehr oder weniger für sich in der eigenen  Blase lebt.

Wie im richtigen Leben zeigt die Krankheit sehr unterschiedliche Grade der Ausprägung, auch die Größe der Zone variiert. Bei Manchen sind die Symptome mit zunehmendem Alter rückläufig, bei anderen stagnieren sie. Und natürlich greift das Virus um sich. Der Wahnsinn breitet sich aus. Die Unterscheidung zwischen krank und gesund bzw. zwischen verrückt und normal wird immer unerheblicher – ein Stoff, der dem Autor sichtlich Freude macht.

Clemens Setz schreibt im Wesentlichen aus zwei Perspektiven, nämlich aus der Sicht der beiden Hauptfiguren, zwischen denen er hin und her springt. Der infizierte Junge, mittlerweise erwachsen, dessen Symptome so rückläufig sind, dass er, abgesehen von seinen unkontrollierten Aggressionen, ein annähernd normales Leben führen könnte, wird von einem allwissenden Erzähler begleitet. Dagegen erzählt der ehemalige Lehrer, der den Vorgängen um die erkrankten Kinder auf den Grund gehen will, und wie zur Bestätigung des wuchernden Wahnsinns, um den es hier geht, auch noch den Namen des Autors trägt, aus der Ich-Perspektive. Man kann sich denken, welchen Heidenspaß Setz bei der Sache hatte. Und das allein wäre schon Grund genug, unverzüglich mit dem Lesen zu beginnen.

Die beiden Erzählperspektiven werden durch verschiedene Zeitungsartikel und historische Berichte ergänzt, die der ganzen Geschichte den Anschein des Realen geben. Zudem dokumentieren sie die wachsende Hilflosigkeit des Lehrers, der in seiner Suche nach der Wahrheit vollkommen das Augenmaß verliert. Und so sammelt er wahllos alles, was er zum Thema finden kann, wie abstrus es auch sein mag.

„INDIGO“ ist ein erstaunliches Buch. Form und Inhalt bilden ein für mich überzeugendes Gespann. Die Reaktionen auf das Buch fallen aber sehr unterschiedlich aus, während die einen schwärmen, wird es von anderen gnadenlos verrissen. Kalt scheint es jedoch nicht zu lassen. Also, hilft mal wieder nur eins: selber lesen, wozu ich unbedingt raten würde.

Es wurde übrigens auf die Liste des Dt. Buchpreises 2012 gesetzt und hat es bis in die Shortlist geschafft. Den Preis bekam dann aber Ursula Krechel. Setz hat dann später den mit 20.000 € dotierten Literaturpreis der dt. Wirtschaft dafür erhalten. Herzlichen Glückwunsch.

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