tschick – Roadmovie durch „blühende Landschaften“

barrier-gates-280628_640Also: eigentlich wollte ich „Sand“ lesen – ebenfalls von Wolfgang Herrndorf – hatte aber keine Lust auf ein E-book. Dann bin ich im Bücherregal meines Sohnes auf „tschick“ gestoßen. Was soll ich sagen? Einmal angefangen, konnte ich es nicht mehr weglegen, bevor ich nicht den letzten Satz gelesen hatte. „tschick“ ist ein Buch, das einfach Spaß macht.

Die erste Auflage ist bereits 2010 erschienen, weshalb es Viele sicher schon gelesen haben. Aber manchmal kommt man ja nicht hinterher, bei der unglaublichen Zahl von Neuerscheinungen. Und von mir selber kenne ich es auch, dass man manche Bücher einfach wieder vergisst. Darum möchte ich es hier noch einmal in Erinnerung rufen.

Nach der Lebensgeschichte des Autors und seinem frühen, selbst gewählten Tod, mutet es vielleicht seltsam oder unsensibel an, Spaß beim Lesen seines Buches zu haben.

Ich muss sagen, dass es mich einfach gefangen hat. Es hat mich gepackt, in seine Geschichte gezogen und erst wieder losgelassen, als alles erzählt bzw. gelesen war. Gibt es ein besseres Qualitätsmerkmal für ein Roadmovie?

Am Ende der ersten Seite hatte er mich. (Als er ausführt, warum es letztlich angenehmer für ihn gewesen wäre, wenn die Polizisten ihn gefoltert hätten.) Die Geschichte fängt mit ihrem Ende an, wodurch erst einmal Verwirrung entsteht. Klar wird eigentlich nur, dass die beiden Jungs ziemlichen Mist gebaut haben.

Als Herrendorf dann aber doch von Anfang an erzählt, wird noch etwas klar, nämlich, dass da alles noch ganz normal war. Der Leser taucht ein in die Welt dieser Vierzehnjährigen, die alles andere als Helden sind. Sie haben dieselben Nöte wie alle anderen Vierzehnjährigen, stellen sich vielleicht sogar noch ein bisschen dämlicher an als der Durchschnitt, aber eben nur soviel, dass sie nicht ins Lächerliche abrutschen. Man kann sich getrost in sie hinein versetzen. Und genau das geschieht.

Herrndorf bedient sich einer Sprache, die das Milieu trifft, ohne lächerlich zu erscheinen. Alles passt irgendwie. Und plötzlich steckt man mittendrin in der Geschichte, der erzählten und seiner eigenen. Das Lebensgefühl einer längst vergangenen Zeit ist mit einem Mal präsent. Und diese Zeit ist dadurch geprägt, dass riskante Unternehmungen nicht mit all ihren möglichen und unmöglichen Folgen durchdacht und dann verworfen, sondern einfach erstmal begonnen werden. Erinnert ihr Euch?

Jawohl, es gibt diese Phase in jedem Leben – mehr oder weniger stark ausgeprägt. Dass es die beiden Helden in Herrndorfs Geschichte auf die Spitze treiben, versteht sich von selbst. Das ist doch Ehrensache.

Bis zum bitteren Ende lebt und leidet der Leser mit. Bis zum bitteren Ende begleiten Wortwitz, ein gewisses Quäntchen an Naivität seitens der Protagonisten und die damit einhergehende Slapstick die rasante Geschichte. Dennoch bleibt Herrndorf  seinen Helden stets treu. Sie mögen sich dusselig aufführen, doch sie sind bei all ihren Unternehmungen vor allem eins: authentisch.  Sie sind komisch, aber eher unfreiwillig. Und dann sind sie ja noch soviel anderes, z. B. sensibel, intelligent (doch, tatsächlich), unvoreingenommen, schüchtern, verliebt, begeistert, und für die Dauer ihres Abenteuers natürlich: frei. Die Geschichte dieser beiden, im Grunde hoch sympathischen Typen erzählt Herrndorf in solidarischem Ton, der alles – oder wenigstens fast alles – was die beiden verbocken, irgendwie nachvollziehbar macht.

Und zum Glück wird er dabei nicht rührselig, obgleich er auch die Schattenseiten ihres Milieus nicht verschont. Ein durch und durch glaubwürdiges Buch über die Jugend bzw. eine ihrer möglichen Erscheinungsformen.

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3 Gedanken zu “tschick – Roadmovie durch „blühende Landschaften“

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