Liste mit 10 ersten Sätzen

Das Thema „erster Satz“ hat mich nicht losgelassen. Oder vielmehr bin ich wieder darauf zurück gekommen, da ich momentan ein Buch lese, das ich – zumindest bisher – sehr träge finde. Ich möchte aber nicht vorschnell urteilen, daher später mehr dazu.

Allerdings fiel mir die Sache mit Kurt Drawert wieder ein und ich habe prompt zurück geblättert, um den ersten Satz noch einmal zu lesen. Interessanter Weise ist an diesem nicht all zuviel auszusetzen. Er erfüllt auf jeden Fall die Forderung, dass er einen zweiten nach sich ziehen sollte.

Natürlich muss man das nicht über bewerten. Aber interessant finde ich es schon. Daher habe ich einfach mal ins Bücherregal gegriffen und präsentiere hier eine Auswahl von 10 ersten Sätzen einiger wunderbarer Bücher in alphabetischer Reihenfolge:

Charles Dickens. Oliver Twist.

Unter andern öffentlichen Gebäuden einer gewissen Stadt, die ich aus Gründen der Vorsicht nicht nennen und noch viel weniger mit einem fingierten Namen bezeichnen will, befand sich auch eines, dessen sich die meisten – großen und kleinen – Städte schon von alters her rühmen können, nämlich ein Armenarbeits- und Waisenhaus.

Fjodor M. Dostojewskij. Die Brüder Karamasoff.

Alexej Fjedorowitsch Karamasoff war der dritte Sohn des Gutsbesitzers unseres Kreises Fjedor Pawlowitsch Karamasoff, der seinerzeit viel genannt wurde (ja und auch heute noch erinnert man sich seiner bei uns) wegen seines tragischen und unaufgeklärten Endes, das sich genau vor dreizehn Jahren zutrug und wovon ich an geeigneter Stelle berichten werde.

Michael Ende. Die unendliche Geschichte.

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Diese Inschrift stand auf der Glastür eines kleinen Ladens, aber so sah sie natürlich nur aus, wenn man vom Inneren des dämmrigen Raumes durch die Scheibe auf die Straße hinausblickte.

Janet Frame. Ein Engel an meiner Tafel.

Vom ersten Ort flüssiger Dunkelheit, innerhalb des zweiten Ortes von Luft und Licht, schreibe ich den folgenden Bericht mit seiner Mischung aus Tatsachen und Wahrheiten und Erinnerungen an Wahrheiten nieder, der stets auf den dritten Ort hinweist, dort, wo der Mythos beginnt.

John Irving. Garp und wie er die Welt sah.

Garps Mutter, Jenny Fields, wurde 1942 in Boston festgenommen, weil sie einen Mann in einem Kino verletzt hatte.

Haruki Murakami. Tanz mit dem Schafsmann.

Ich träume oft vom Hotel Delfin.

Lars Saabye Christensen. Der Halbbruder.

„Vielen Dank!“

Ich stand auf Zehenspitzen, streckte den Arm so weit nach vorne, wie ich konnte, und bekam von Esther das Wechselgeld zurück, fünfundzwanzig Öre auf eine Krone.

Arkadi und Boris Strugatzki. Der Montag fängt am Samstag an.

Lehrer: Kinder, schreibt den Satz: „Ein Fisch saß auf einem Baum.“

Leonore Suhl. Frau Dahls Flucht ins Ungewisse.

Frau Dahl sah den Tod täglich aus dem Augenwinkel.

Alice Walker. Im Tempel meines Herzens.

In der alten Heimat, in Südamerika, war Carlottas Großmutter Zede Näherin gewesen, oder eigentlich eher  eine Zauberin mit Nadel und Faden.

Natürlich könnte man diese Liste unendlich ergänzen. Wer mag, ist eingeladen, dies zu tun: Schreibt einfach einen besonders gelungenen, großartigen, mehrdeutigen, irritierende, abstoßenden oder wie auch immer bemerkenswerten ersten Satz (bitte mit Buch u. Autor)  als Kommentar.

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6 Gedanken zu “Liste mit 10 ersten Sätzen

  1. Charles Bukowski – Aufzeichnungen eines Außenseiters

    Irgendein mickriger Freier wollte den Zaster nicht ausfahren,
    die ganze Runde behauptete Pleite zu sein, das Spiel war im
    Eimer, ich saß da mit meinem alten Kumpel Elf, Elf hatte
    als Kind ’ne Macke gehabt, lag jahrelang im Bett und machte
    solche verrückten Übungen, Gummibälle kneten und so, und
    als er eines Tages das Bett verließ, war er so breit wie hoch,
    ein röhrender muskelbepackter Schrank von Mensch, der
    Schriftsteller sein wollte, aber zu sehr wie Thomas Wolfe
    schrieb — und abgesehen von Dreiser war T. Wolfe der mieseste
    Schreiber, den Amerika je hervorgebracht hat — und plötzlich
    hatte ich dem Elf eine gescheuert und die Flasche fiel vom
    Tisch (er hatte was gesagt, das mir nicht paßte), und als der
    Elf wieder hochkam, hatte ich die Flasche in der Hand (teurer
    Scotch) und erwischte ihn halb am Kinn und halb am Hals und
    er ging wieder zu Boden, ich fühlte mich ganz Herr der Situation,
    ich war Schüler Dostojewskis und hörte Symphonien
    von Mahler im Dunkeln, und ich hatte Zeit, einen Schluck aus
    der Flasche zu nehmen, sie wieder hinzustellen, mit der Rechten
    zu täuschen und ihm die Linke unter den Gürtel zu wuchten,
    und er fiel gegen die Kommode, der Spiegel ging in Scherben
    — es klang wie im Kino — blitzte und splitterte, und dann
    landete der Elf eine direkt über meiner Nase und ich kippte
    nach hinten über einen Stuhl, das Ding klappte unter mir zusammen
    als sei es aus Stroh, billiges Stück Möbel, und dann
    hatte er mich in der Mangel — ich hatte nicht genug Pulver
    hinter meinen Schlägen, überhaupt keinen rechten Ehrgeiz,
    und ich hatte ihn noch längst nicht fertiggemacht — und er
    ging auf mich los wie ein bescheuertes rachgieriges Individuum
    aus einem Horrorfilm, und für jeden (nicht einmal besonders
    guten) Schlag, den ich anbrachte, steckte ich drei ein,
    aber das reichte ihm noch nicht, er wollte nicht aufhören, das
    Mobiliar ging eins nach dem anderen zu Bruch, ich hoffte
    irgendwie, jemand würde den Krach hören und der verdammten
    Schau ein Ende machen — die Vermieterin, die Polente,
    der liebe Gott, IRGEND JEMAND, aber es ging weiter und weiter,
    und dann konnte ich mich an nichts mehr erinnern.

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  2. Ach, ja, das ist doch mal ein schönes Spiel 🙂
    Gewissermaßen.
    Also los:

    Henry Miller: Wendekreis des Steinbocks
    „Hat man erst einmal den Geist aufgegeben, folgt alles andere mit tödlicher Sicherheit,
    sogar mitten im Chaos.“

    Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit
    „Viele Jahre später sollte der Oberst Auraliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennenzuleren.“

    Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
    „Die Ewige Wiederkehr ist ein geheimnisvoller Gedanke, und Nietzsche hat damit manchen Philosophen in Verlegenheit gebracht: alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen.“

    Oder auch,
    ganz knapp:
    Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht
    „Angefangen hat das so.“

    Viel Freude beim Fortsetzen!

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