Fünf Kopeken.

berlin-76272_640Sarah Strickers Debütroman erzählt die Geschichte einer Frau, die sich dadurch auszeichnet, dass sie erstens hässlich und zweitens hochbegabt ist. Vom Vater angetrieben, beginnt sie in jungem Alter Höchstleistungen zu erbringen, lernt Zeichnen, Turnen, Singen, mehrere Fremdsprachen, hechelt sich durch die Kindheit, ohne irgendetwas mitzunehmen, das ihr im Leben nützlich wäre.

Urplötzlich sieht sie sich in der Pubertät mit ihrem Körper konfrontiert, der ihr so fremd ist, wie das Leben der anderen.

Das Wunderkind ist überfordert. Aber aufgeben gilt nicht, und so schafft sie es irgendwie, eine Freundin und erste Erfahrungen mit Jungs zu bekommen.

Gleichzeitig erfüllt sie brav die Erwartungen der Eltern, zerreibt sich zwischen Medizinstudium und der Arbeit im Geschäft der Eltern, folgt ihnen sogar nach Berlin, wo diese nach dem Mauerfall eine zweite Filiale eröffnen.

Erzählt wird die Geschichte von der Tochter, die, ganz nach Manier ihrer Familie, in schnoddrig-saloppen Plauderton jedwede Gefühlsangelegenheit glatt bügelt und besonders den Großeltern mit ihrem Pfälzer Dialekt eine unverwechselbare Stimme verleiht.

Und sie erzählt schön. Die Figuren werden lebendig, schwungvoll schiebt sie den Leser durch die ersten Jahre. Wenn sie auch häufig nur an der Oberfläche kratzt, wird der innere Konflikt sichtbar; die Dialoge sprechen für sich – und sind Gold wert.

Der ewige Wettkampf hinterlässt seine Spuren. Noch vor dem 50. Geburtstag erkrankt die Mutter an Krebs. Prognose: negativ. Die verbleibende Zeit verbringt sie bei der Tochter, die sie widerstandslos bei sich aufnimmt und pflegt.

Hier beginnt die Mutter ihre Geschichte zu erzählen, erzählt von einer Kindheit, die an ihr vorüber gegangen ist, von einer Jugend, die sie am Rande gestreift hat, bis zum Zusammentreffen mit dem zukünftigen Vater, dessen unerschütterliche Liebe und Rücksichtnahme ihr zuviel wird.

Jetzt erst, kurz vor der – von allen anderen, nur nicht von ihr – geplanten Hochzeit, bricht sie aus, versucht, das Verpasste nachzuholen, sich vom Leben zu nehmen, was ihr zusteht.

Dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie sie das kleine Glück, das ihr das Leben zugesteht, fahren lässt. Obwohl sie es selber kommen sieht, kann sie nicht anders, will endlich selbst über ihr Leben bestimmen. Sie tauscht die Liebe gegen eine Affäre, in der sie endlich ihren Körper spürt, erfährt, was Lust und Sehnsucht bedeuten. Den Verstand, der sie weit gebracht hat – dorthin, wo sie nie wirklich sein wollte – erklärt sie den Krieg.

Einmal entfesselt, beherrscht die Sehnsucht ihr Leben, lässt sie blind ins Verderben rennen. Hilflos bleibt der Leser dabei, wartet auf Antworten, auf die eine, alles umreißende Frage, die sich Seite für Seite tiefer in seine Gedanken schleift: Warum?

Schonungslos berichtet sie, wie sie den Vater allmählich verliert. Es ist keine Beichte, keine Rechtfertigung. Auch findet keine Annäherung zwischen Mutter und Tochter statt.

Am Ende bleibt die Tochter allein mit dem Rätsel, das die Mutter ihr aufgibt. Sie bekommt ihr eigenes Bild von der Mutter nicht mit dem Erzählten zusammen. Der Graben zwischen den Generationen bleibt. Auch sie ist nur das Kind ihrer Mutter, mehr von der Großmutter erzogen, als von ihr, aber zum Glück nicht hochbegabt, insofern besteht Hoffnung.

Am Ende wollte sie der Tochter doch etwas sagen, nur, dass sie es eben nicht aussprechen konnte, ohne eine Schwäche zu offenbaren. Darum, und nur darum, musste die ganze lange Geschichte erzählt werden. Dass sie selbst aus ihren Erfahrungen nichts mitnimmt, einfach stur immer weiter macht, nimmt dem Roman seine anfängliche Kraft. Durchhalten ist kein Motiv für einen Roman und wird für den Leser zur Zumutung, der sich mit der Tochter die Bürde der Beichte teilt, die eigentlich keine sein will, sondern… ja, was eigentlich?

 

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3 Gedanken zu “Fünf Kopeken.

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