Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

art-194753_640Es ist schon viel geschrieben worden über dieses Buch und seinen Autoren. Darum hatte ich es auch im Kopf, als ich die Reihen der Stadtbücherei durchforstete, um mir neuen Lesestoff mit nach Hause zu nehmen.
Es hat mich nicht enttäuscht. Dieses Buch hat mich sehr schnell in seinen Bann gezogen, und der Vorsatz, mehr tagsüber zu lesen, drängte sich förmlich auf.

Die Geschichte hat mich tief berührt. Es geht um zwei junge Menschen, deren Leben abseits des Hauptstroms verläuft. Vermutlich würde man Mattia als Nerd und Alice als Freak bezeichnen. Inmitten des Trubels der Gleichaltrigen kapseln sie sich ab, leben in einem Vakuum, dessen unsichtbaren Rand sie nicht zu überschreiten wagen.

Während Mattia jede Auseinandersetzung mit anderen meidet, und das Bei-sich-Sein noch als den besten aller Orte empfindet, ist Alice auf der Suche. Sie leidet unter der Isolation, sucht Freundschaft, Liebe, Abenteuer oder irgendeine Form des Glücks. Sie weiß noch nicht, dass sie auf der Suche nach sich selbst ist.
Den Anfang des Buches empfand ich als schwer verdaulich. Beide erleben in der Kindheit ein Trauma, das zu einer Bürde wird, von der sie sich nie ganz befreien können. Es verändert sie, macht sie zu jenen ernsten Menschen, die dem Unglück stets ein bisschen näher sind, als dem Glück. Es raubt ihnen die Unbeschwertheit, bremst sie aus, so dass sie stets auf der Hut sind, zögern, misstrauen.

Giordano verschafft dem Leser einen Blick in diese verletzten Seelen, weckt Sympathie und eine leise Hoffnung, dass sie am Ende irgendeine Art von Glück finden mögen. Es ist vor allem die Sprache, mit der Giordano Authentizität schafft, mit der er dem Leser diese verkorksten Protagonisten näher bringt. Gerade, wenn es um das Fremdartige geht, erzeugt er Bilder, die sich im Kopf festsetzen. Diesen kann sich der Leser schwer entziehen.

Seine Mutter hatte die Angewohnheit, Sätze unvollendet im Raum stehen zu lassen, fast so, als entfalle ihr beim Sprechen, wie sie enden sollten. Vor Mattias geistigem Auge entstanden auf diese Weise leere Sprechblasen, und jedes Mal stellte er sich vor, wie er sie mit dem Finger durchstach und zum Platzen brachte.                                          (S.92)

Giordano sagt, was er sagen muss. In bestechender Klarheit bringt er die Dinge auf den Punkt. Es ist die Grausamkeit des Alltäglichen, subtil und unerträglich, die am meisten verletzt. Weder die eisige Atmosphäre im Elternhaus, noch die Quälereien durch Mitschülerinnen erfordern äußere Gewalt. Stets bleibt Giordano auf der kommunikativen Ebene: Es geht immer um Gesagtes und Nicht-Gesagtes, um die Bedeutung einer Handlung und um Gesten, die ausbleiben. Es geht um Hoffnungen, die sich nicht erfüllen.

Ein eindringliches, bewegendes Buch.

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2 Gedanken zu “Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

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