Der Brief

Vorsichtig steigt sie die schmalen Stufen hinab. Morgens sind die Knie noch steif. Jeden Tag der erste Gang in den Hof. Der Regenmesser ist leer. Auf den Rosen kühler Morgentau. Die Luft tut gut.
Sie tastet nach dem Schlüsselbund in der Kitteltasche. Ihr Lieblingskittel mit dem Kornblumen-Muster, frisch aus der Wäsche. Der Weichspüler steigt ihr in die Nase. Sie lächelt. Doris schimpft, sie würde zu viel von dem Giftzeug nehmen. Die Gute, sie weiß nicht, wie es ist, wenn die Welt fade und geruchlos wird.
Blütenstaub auf dem Briefkasten. Sie wischt ihn mit der flachen Hand ab. Ihre Hand zittert, als sie den Schlüssel umdreht.

Sie wartet schon so lange.

Ihr Herz macht einen kleinen Hüpfer, dann wird es warm in ihrer Brust. Endlich: Der Brief ist da. Der Absender gestempelt. Die linke Hand fährt tastend zur Brust, den Hals hinauf, sucht nach dem Bändchen: Nichts.
Warum hat sie die Brille nicht mitgenommen?
„Ich Esel“, entfährt es ihr. Erschrocken sieht sie sich um. Hoffentlich hat das niemand gehört.  Sie kichert leise. Kommt ja nicht drauf an. Die halten sie sowieso für senil.
Sie steckt den Brief in die linke Kitteltasche, schließt den Kasten ab, schiebt das Schlüsselbund in die rechte Seite. Beim Aufstieg hält sie sich mit beiden Händen, hilft den müden Beinen auf die Sprünge. Neben der Wohnungstür steht ein Hocker. Leise schließt sie die Tür, den Schlüssel von innen ins Schloss, sinkt sie erschöpft auf den glatten Sitz.

Ihr Atem wird ruhiger. Langsam hebt sie den Kopf, streckt den Rücken, drückt ihn gegen die kühle Wand, bis er ganz gerade ist. Sie sollte ein Kissen auf den Hocker legen. Seufzend steht sie auf. Stützt sich dabei mit der linken Hand an der Kommode ab, in der die Schals, Tücher und Handschuhe liegen. In der mittleren Lade drei Handtaschen: weiß, braun und schwarz für die Beerdigungen. Sie hasst Beerdigungen. Und Schwarz.

Auf dem Küchentisch liegt das Morgenlicht, ausgebreitet auf der gelben Decke. Darauf steht eine Vase mit einer weißen Rose, eine kleine Porzellanvase, ein Erbstück ihrer Schwester. Den Teller hat sie schon abgespült. Nur die Teetasse steht noch am Platz. Sie schenkt sich ein und setzt sich. In der Bewegung zieht sie den Brief aus der Tasche. Sie legt ihn auf den Tisch, streicht ihn glatt.
Suchend schaut sie um sich. „Wo hab ich nur…?“ Beim Aufstehen kreischen die Stuhlbeine auf den Fliesen.
Sie geht in die Stube. Neben dem Sessel liegt ihr Buch, darauf die Brille. Sie löst das Band. Sie hasst es – ein Altersrequisit wie Stockschirme und Gesundheitsschuhe. Schlimm genug, dass man alt und schusselig wird, blind wie ein Maulwurf und steif wie ein gefrorenes Huhn. Kein Grund, sich lächerlich zu machen.

Wieder setzt sie sich in die Küche, nimmt die Tasse, bläst hinein. Sie trinkt Schluck für Schluck. Und denkt an Heinrich. Damals waren sie Kinder gewesen. Damals – vor 70 Jahren. Muss man sich mal vorstellen: Viele werden gar nicht so alt. Annemarie zum Beispiel – obwohl sie vier Jahre jünger war.

Nur die kleine Vase ist von ihr geblieben. Und ein Stein auf dem Friedhof, zu dem sie anfangs jede Woche hingefahren war, „um nach dem Rechten zu sehen.“ Sie hatte richtig Ehrgeiz gehabt, hat gepflanzt, Unkraut gezupft, gegossen.
Irgendwann ging ihr der Sinn dafür ab. Klammheimlich hat er sich aus dem Staub gemacht. Irgendwo zwischen dem Friedhof und der Haltestelle ist er verloren gegangen. Da stand sie mit der kleinen Gießkanne, wartete auf den Bus und kam sich unglaublich dumm vor. Beschämt hatte sie sich am Fahrer vorbei geschlichen. Und war nie wieder hingefahren.
Sie hörte sich seufzen. Schon wieder. Dann stand sie auf, nahm ein Messer aus der Schublade, schnitt das Kuvert auf. Sie setzte sich wieder. Dann zog sie den Brief langsam heraus.

Sie hätte die Brille nicht gebraucht. Bunte Bilder schrien ihr entgegen: Pech gehabt.
Wieder bloß Werbung.

Was Heinrich wohl macht?

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