Apfel, Anakonda, Abend, Axt… (Teil I)

…sind die Carolines Vorgaben ihres Schreib(erlebens)tipps vom 29.7. Meine Geschichte folgt in 4 post-gerechten Teilen. Hier der erste:

Er war 16. Natürlich wollte er nicht von mir bemuttert werden, weder, was seine Kleidung anging, noch in sonst einer Hinsicht. Ich unterdrückte den Impuls, an seinem hochgerutschten Ärmel zu ziehen, und durch das verzottelte Haar zu streichen. Irgendwie sahen sie verwegen aus in ihren viel zu kleinen Konfirmandenanzügen. Henry hatte wenigstens die Jacke ausgezogen. Er trug ein weißes T-Shirt und die braune Anzughose, die schon bei der Konfirmation unpassend gewesen war. Tom war dagegen perfekt gekleidet. Unter dem Anzug trug er das fliederfarbene Hemd – alles bis oben zugeknöpft. Im Sitzen entblößte die schwarze Hose die halbe Wade und zeigte ein Paar schwarze Socken.

Sie stanken allerdings erbärmlich. Man brauchte nicht zu fragen, warum sie vor der Tür des Direktors saßen. Sie mussten am Abend reichlich Alkohol in sich hinein gekippt und dann wer weiß was angestellt haben. Wer im Internat lebte, war seinen Lehrern rund um die Uhr ausgesetzt. In den meisten Fällen zeigten sie für pubertäre Anfälle dieser Art erstaunlich viel Verständnis. Hoffentlich hatten sie es diesmal nicht zu weit getrieben. Ich hatte nicht die Kraft, mich gegen einen Tobsichtsanfall von Mr. Connor zu wehren. Und eine Moralpredigt würde meine Nerven nach der letzten Nacht vollends ruinieren. Mein Magen knurrte. Der Apfel, den ich im Handschuhfach gefunden hatte, war das letzte, was ich seit gestern Mittag zu mir genommen hatte. Ich stützte die Ellenbogen auf die Knie und ließ mein müdes Gesicht in die Hände fallen. Ich musste furchtbar aussehen, denn genauso fühlte ich mich.

Seufzend ließ ich mich auf den Stuhl an der gegenüberliegenden Wand fallen. Ich hatte höchstens zwei Stunden geschlafen. Zwei Stunden, in denen die anderen darauf gewartet hatten, dass die Schlange aus der Narkose erwachte – was einige Zeit dauerte, da man anaconda-pixabaybei solchen Tieren mit der Narkose immer auf Nummer Sicher ging – und Doktor Brewster entschied, dass sie Ok und transportfähig war. Dafür hatte er sie über eine Stunde beobachtet. Eine Schlange war auch ohne Narkose ein träges Tier und griff nicht – wie die Schimpansen – nach dem erstbesten Ast, um in die Baumkrone zu klettern und die Tierpfleger mit Zweigen zu bewerfen. Endlich hatten die Männer sie mit ihrem Terrarium in den Transporter gehievt und mich auf den Heimweg geschickt. Ich war fast 6 Stunden auf dem leeren Highway durch die Nacht gefahren. Hatte beobachtet, wie die Dämmerung in einer halben Unendlichkeit aus dem schwarzen Nachthimmel emporgestiegen war. Und als das Handy klingelte, war der Horizont von orange-roten Streifen überzogen, die mich über den verlorenen Nachtschlaf hinweg zu trösten versuchten. Natürlich hatte ich nicht mit der Schulsekretärin gerechnet, sondern gedacht, der besorgte Dr. West würde von seinem Krankenhausbett anrufen, um sich zu erkundigen, ob der Kollege erfolgreich gewesen war. Es gab nicht allzu viele Veterinärmediziner, die sich mit einer Anakonda auskannten. Und noch viel weniger, die tatsächlich bereit waren, sie zu behandeln.
(Fortsetzung: Teil II)

gleich weiterlesen?

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7 Gedanken zu “Apfel, Anakonda, Abend, Axt… (Teil I)

  1. Super! Freue mich, dass dich die Worte inspieriert haben 🙂 ! Bin schon gespannt wie die Geschichte weiter geht. Habe sie meiner Tochter vor gelesen – warten auf die Fortsetzung. liebe Grüße Caroline

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