Apfel, Anakonda, Axt… (Teil II)

Als wir das Zimmer des Direktors verließen, waren wir alle drei fertig mit den Nerven. Irgendwie war es nicht fair, dass Henrys Eltern zu solchen Anlässen nie erschienen, weil sie 1000 Meilen entfernt wohnten, während man mich wie ein Schulmädchen her zitierte, das sich daneben benommen hatte. Ich versprach, beide übers Wochenende mit zu nehmen, damit sich Mitschüler und Betreuer von dem Schreck erholen konnten.

Eine Stunde später saßen sie frisch geduscht, wenn auch ungekämmt, mir gegenüber im Denny’s. Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und erwartete sehnsüchtig meinen Burger. Der Kaffee hatte mich nervös gemacht und noch hungriger als ich eh schon war. Erst, food-pixabaynachdem wir gestärkt waren, wollte ich ihre Geschichte hören. Tom sah mich schuldbewusst an und schwieg. Also schaute ich zu Henry und der erzählte ungeniert, was sie am Abend getrieben hatten. Ich lag richtig, was den Alkohol anging. Eine ganze Flasche Wodka hatten sie sich gegönnt, zusammen mit Kumpel und Zimmergenosse Tyler. Dabei hatten sie um das restliche Taschengeld des Monats gepokert, das sie Tyler abzuluchsen gedachten, der ein miserabler Pokerspieler und verwöhntes Muttersöhnchen eines erfolgreichen Schauspielerpaars war. Erfolgreich waren sie allerdings nur vor der Kamera, als Paar weniger, weshalb sie sich auf den finanziellen Aspekt der Erziehung ihres Sprösslings konzentrierten. Meistens hatte ich Tyler ebenfalls im Gepäck, wenn ich die Jungs an den Wochenenden nach Hause holte. In diesem Fall hatte sich Mr. Connor ausdrücklich dagegen ausgesprochen.

Also: Nachdem sie Tylor ausgenommen hatten wie eine Weihnachtsgans, warfen sie sich in Schale, bzw. was sie dafür hielten. Während Tyler mehr unter als auf seinem Bett wie ein Waldschrat schnarchte, zwängten sie sich in ihre Konfirmandenanzüge und schlichen über die Feuertreppe aus dem Haus. Dass sie unbemerkt entkamen, war, wenn man ihren Alkoholpegel bedenkt, schon eine Leistung. Sie marschierten also los in Richtung Stadt, gingen mitten auf der Straße, die wie ausgestorben war. Es ist eine verschlafene Gegend, in der nachts die Ampeln abgeschaltet werden und die Bahnschranken oben bleiben. Zwei Autos sausten vorüber. Ein drittes kam ihnen entgegen. Sie drängten sich an den Straßenrand – wer weiß, wie viel der Fahrer in der Dunkelheit erkennen konnte. Doch offenbar hatte er sie gesehen, denn er wurde langsamer und hielt mitten auf der Straße. Schuldbewusst kamen sie näher. Sie dachten, es handele sich um einen Streifenwagen, der ihrem Ausflug ein Ende setzen würde. Das Scheinwerferlicht blendete sie. Doch konnten sie sehen, dass er zum Kofferraum ging. Er nahm etwas heraus, einen langen Gegenstand, hielt ihn in beiden Händen, als würde er sein Gewicht schätzen.

War das etwa ein Gewehr? „Officer“, rief Henry. „Übertreiben Sie ’s nicht.“ Sie waren stehen geblieben, verunsichert. Tom wollte noch etwas sagen, als er ein Werbelogo auf der Limousine entdeckte. Lesen konnte er es nicht, aber ganz sicher war das kein Streifenwagen, und der Typ war alles andere als ein Bulle. Tom stieß seinen Freund an, zeigte auf das Auto. Sie sahen sich an, sahen zu dem Typen, der breitbeinig neben seinem Wagen stand. Höchstens zwei Autolängen von ihnen entfernt. Die Wolken mussten aufgerissen haben, denn es drang ein wenig Licht auf die Straße, als wollte ihnen der Mann im Mond wenigstens den Hauch einer Chance geben. Und dann erkannten sie, dass es kein Gewehr war. Es war eine Axt. Zweifellos machte das keinen großen Unterschied, doch diese Erkenntnis löste eine unmittelbare Panik bei beiden aus.
(Fortsetzung: Teil III)

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