Apfel, Anakonda… (Teil III)

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(zum Anfang geht ’s HIER)

Ohne ein Wort setzten sie sich in Bewegung. Sie nahmen die Beine in die Hand, legten den Sprint ihres Lebens hin, ohne dass Mr Rodriguez mit seiner schweren Stoppuhr die Zeit nehmen konnte. Der schlummerte sicher friedlich im Schlafzimmer seines kleinen Häuschen in dieser kleinen, beschissenen Stadt, die sie in diesem Leben jedenfalls nicht mehr zu sehen bekämen. Sie rannten zurück, mitten auf der Straße, den schnellsten Weg nehmend. Noch hörten sie keine Schritte, kein Keuchen hinter sich. Das gab ihren Beinen Kraft. Ein bisschen zuversichtlicher versuchten sie, Weg zu gewinnen. Sie spürten ihre Muskeln, begannen sich auszukennen in der Situation, fühlten sich wie beim Wettkampf stark und unglaublich schnell. Henry sah zu Tom und grinste. Was waren sie doch für Lämmer. Der Alte hatte sich nur vor einem Überfall schützen wollen. Hier liefen doch keine Psychopathen durch die Nacht.

Als sie hörten, dass er den Motor startete, war die Angst gleich wieder da. Mit panischen Blicken sprangen sie in den Graben, der so tief war, dass sie auf allen Vieren landeten, sich wieder aufrappelten und über das Feld rannten. Sie hörten das Auto hinter sich. Es hielt mit quietschenden Reifen. Die Tür klappte. Sie stolperten auf dem holperigen Acker. „Mais wäre jetzt gut“, dachte Tom. Aber leider war das kein Maisfeld, sondern Kartoffeln. Und das Grünzeug schlug ihnen um die Waden, während sie sich stolpernd und straucheln über das Feld kämpften. Jetzt hörten sie ihn. Er musste Augen wie ein Luchs haben. Seine Schritte waren gleichmäßig und schwer. Und mit Sicherheit hatte er weniger Angst als sie. Und weniger Alkohol im Blut. „Scheiße“, schrie Henry. Und Tom hörte die Angst in seiner Stimme. „Bis zum Wald, Mann. Da verstecken wir uns.“ Tom krallte sich an diese vage Hoffnung mit jeder Sehne seines Körpers. „Komm schon, wir lassen uns nicht abschlachten.“ Offenbar half das. Henry wurde wieder schneller.

Allmählich gewannen sie Abstand zu ihrem Verfolger. Sie erreichten den Wald und schlugen sich sofort ins Unterholz. Noch war er nicht bei ihnen. Schnell vergruben sie sich zwischen die Büsche, immer tiefer hinein, das schwere Stampfen seiner Schritte im Ohr. Er musste jetzt den Waldrand erreicht haben. Sie duckten sich und erstarrten. Jeder Zweig, der sich bewegt, jedes raschelnde Blatt konnte ihrem Leben ein Ende bereiten. Sie wagten es kaum, zu atmen.

Eine Ewigkeit ist nichts gegen diese Nacht im Wald. Als sie das Auto fahren hörten, waren sie sich nicht sicher, ob es seins war, ob es eine Falle war. Hatte er sich Verstärkung geholt, und wartete mit erhobener Axt direkt vor ihnen mit angehaltenem Atem?

Quatsch. Die Gegend war so tot wie die Bewohner der Friedhöfe. Natürlich war es sein Wagen. Jetzt fuhr er davon. Richtung Westen, woher er gekommen war. Vielleicht in die kleine Stadt, wo sie freitags ihre Abende verbrachten, wenn die Kohle reichte. Vielleicht wohnte er dort sogar. Vielleicht würde er im Kino hinter ihnen sitzen, wenn sie das nächste Mal hin gingen…
(Fortsetzung folgt)

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4 Gedanken zu “Apfel, Anakonda… (Teil III)

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