Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

„Roman“ steht unter dem Titel. Und damit wären wie schon mitten drin. Ein Roman im klassischen Sinn ist es eigentlich nicht. Die Kapitel erscheinen anfangs eher als Fragmente, fügen sich erst spät zu einem Bild zusammen.

Schauplatz des Geschehens ist Crosby, ein kleiner Küstenort in Maine / New England. Der Ort spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Beinahe möchte man ihn zur Hauptperson erklären. Der britische Charakter des Ortes selbst und seiner Bewohner wirkt immerhin verbindend zwischen den Figuren, die sich selten näher kommen. Jeder lebt sein Leben für sich hinter zugezogenen Vorhängen, verborgen im Schutz der eigenen vier Wände. Die Begegnungen bleiben meist oberflächlich, Wünsche und Träume unausgesprochen. Doch im Nachhinein bleibt die Enttäuschung. Der Ort ist im Aussterben begriffen. Die Jungen fliehen in die Städte, in denen das Leben mehr zu versprechen scheint. Ob sich ihre Wünsche erfüllen, bleibt ungesagt. Denn es geht um die Alten, die zurückbleiben mit ihren unerfüllten Hoffnungen und der Gewissheit, dass eine Zeit zu Ende geht – eine Zeit, die unauflösbar verbunden ist mit ihrer Lebenszeit.

 

newenglandNatürlich geht es nicht in erster Linie um das Städtchen, sondern um seine Bewohner. Das Buch beginnt mit Henry Kitteridge, dem Apotheker der Stadt, und macht seine Runde durch den Ort. Der Leser öffnet eine Reihe von Türen, bekommt Einblicke, die den Bewohnern selbst vorbehalten bleiben. Klinkenputzend dreht er seine Runde, bevor er ins Haus Kitteridge zurückkehrt.

Henry ist ein sensibler, sanftmütiger Mann, zu sanft, möchte man sagen. Immerhin fristet er sein bescheidenes Leben an der Seite von Olive. Und die ist weder sensibel, noch sanft – im Gegenteil. Den jüngeren Leuten ist sie als gnadenlose Mathelehrerin in Erinnerung. Nur Wenige haben auch ihre einfühlsame Seite erlebt, die, ausgelöst durch ein plötzliches Verstehen, eine kurze empathische Empfindung, in seltenen Momente kurzfristig aufflackert, um ebenso schnell wieder zu verlöschen. Die Erkenntnis, dass es letztendlich um Olive geht in diesem Buch, braucht eine Zeit. Eine Reihe von Bewohnern tragen ein Bild zusammen, das sich nicht so sehr um Olive und die Kitteridges dreht, sondern um ihre Generation.

Durch die Perspektive der Anderen und die kurzen Begegnungen formt sich allmählich ein Bild. Die Anordnung der Kapitel ist ein interessantes Mittel, um die Widersprüche dieser komplexen Figur aufzuzeigen. Die Reihenfolge scheint mitunter beliebig, und vielleicht sind sie auch so zu sehen: Jedes eine kleine Geschichte für sich, ein kleiner Teil vom Ganzen. Was fehlt, ist die kausale Verbindung, das heißt die eigentliche Geschichte, der Plot. Ein zeitlicher Ablauf lässt sich nachvollziehen. Es gibt in der zweiten Hälfte des Buchs einen Konflikt, der den Spannungsbogen hebt, doch eine Handlung im eigentlichen Sinne, die aus den Texten eine zusammenhängende Geschichte macht, gibt es nicht. Scheinbar nachlässig lässt die Erzählerin den roten Faden fallen, um ihn bei Gelegenheit wieder aufzugreifen. Und? Als Manko habe ich es nicht empfunden, da Inhalt und  Textform sich gut ergänzen. Die Bezeichnung „Roman“ halte ich aber für ungeeignet.

Und das Thema? Am Ende bleiben wir bei Olive, einer herrischen und launischen Person, die – mehr aus Verzweiflung als Selbsterkenntnis – im Alter doch noch etwas milder wird. Mary Strout schafft es, dem Leser diese unsympathische Figur ans Herz zu legen. Sie weckt Empathie. Und trotz Olives Grobheit musste ich nach der Lektüre feststellen, dass ich ihr ein würdigeres Ende gegönnt hätte.
Immerhin war sie eine starke Frau.

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