Doppelter Rittberger

Franzi hatte den Schlüssel noch in der Hand, als er plötzlich in der Diele stand: schätzungsweise Anfang 50, dunkles Haar nach rechts gescheitelt, gut gekleidet. Naja, eigentlich war er gerade erst dabei, sich anzuziehen. Blitzschnell schlüpfte er in sein Jackett, stotterte: „Ach, äh, ja…“ und drehte sich zu Walli um. Die stand in hauchzartem Morgenrock in der Schlafzimmertür, den Kopf an den Rahmen gelehnt. „Wiederschaun“ sagte er zwinkernd, bevor er die Wohnung durch den Hintereingang verließ.
Mit offenem Mund stand Franzi da, starrte auf die alte Dame, bis ihr der Schlüssel aus der Hand rutschte und klimpernd auf dem riesigen Perser landete, der sich über die ganze Diele ausbreitete. „Entschuldige, Walli. Ich wusste ja nicht,… Nächstes Mal klingele ich vorher…“.
„Ach, halt den Mund, Kindchen. Was weißt du schon von den Freuden des Alters! Geh lieber Kaffee kochen, damit kennst du dich wenigstens aus.“

Franzi hängte ihre Jacke auf und verschwand in der Küche. Das durfte ja nicht wahr sein. Wer hätte gedacht,… Sie vertrieb die Gedanken. Schränke auf, Tassen klappern, Wasserhahn auf, zu. Die Kaffeebohnen fielen rumpelnd in die Kammer der Maschine. Schon jetzt roch es herrlich. Mit geübten Handgriffen deckte sie den Tisch, der am Fenster stand und den Blick über die Dächer der Stadt frei gab. Es war ein schöner Tag, noch etwas kühl, aber die Sonne tat ihr Möglichstes. Später würde sie die Jacke nicht mehr brauchen.

Gerade hatte Franzi alles fertig, als Walli hereinkam. „Brötchen“, stellte sie mit einem Blick auf den Küchentisch fest. „Na, du bist optimistisch.“
„Möchtest du lieber Brot? Ich schneide dir zwei Scheiben…“ Walli ignorierte ihr Angebot und setzte sich. Schweigend tranken sie Kaffee. Walli hielt die Tasse mit beiden Händen und sah sie an. Franzi verkniff sich ein Lachen, dieser ernste Blick, und über dem Mund ein Schnurrbart aus weißem Schaum.
„Ich hasse es, mich zu rechtfertigen. Aber, da wir uns jeden Tag sehen, und ich auf deine Hilfe angewiesen bin,… Der gut aussehende junge Mann, den du irrtümlicherweise für einen Gigolo gehalten hast,… Nein, Franzi, lass mich ausreden. Mit diesen Freuden ist es vorbei. Verstehst du, kein Bedarf mehr. Meine Generation hat in dieser Hinsicht nicht gerade die Rosinen abbekommen. Und ich gönne Euch jungen Frauen den Spaß. Für mich ist das Thema abgehakt. Der Herr Dr. Rittberger ist mein Zahnarzt, mehr nicht. Da ich keine Lust habe, mit meinen Zähnen die letzte Würde zu verlieren, habe ich mich für Implantate entschieden. Letzte Woche hat sich wieder mal ein Original verabschiedet. Also hat er ihn heute gezogen.“
„Oh, dein Zahnarzt?“
„So ist es, junge Frau. Der letzte Luxus, den ich mir gönne: Oralfreuden.“ Sie lächelte böse und trank einen Schluck. Franzis Blick wanderte zum Kalender an der Wand. Ein Wasserfall, daneben eine Burg auf einem Felsen. Schönes Deutschland. Immer waren auf diesem Kalender Orte abgelichtet, an denen sie noch nie gewesen ist. „Neuhausen am Rheinfall“ stand darunter.

„Warst du denn verheiratet, Walli?“, fragte sie leise.
„Ja, das heißt nein. Verheiratet nicht, aber verlobt. Das war ein fescher junger Mann. Der hätte dir auch gefallen. Er lebte in Wien, studierte Musik. Wir haben uns im Stadtparkkennen gelernt, bei 12° Minus. Beim Schittschuhlaufen. Er applaudierte, wenn ich mich drehte, und dabei vom Eis absprang. Meine Schwester hatte mir das gezeigt. Immer waren wir zusammen gelaufen. Aber in dem Winter war sie mit ihrem Mann nach München gezogen. Und ich lief allein übers Eis. Bis dieser Junge Mann kam und meine „Rittberger“ lobte. Ich wusste gar nicht, dass man es so nannte. Aber er kannte sich aus. In allem. Ich verliebte mich unglaublich schnell. Er war so charmant und gebildet. Selbst mein Vater mochte ihn – was so gut wie nie vorkam. Er war ein richtiger Bauchpinsel – der perfekte Schwiegersohn…“ Walli lachte, kein verächtliches Lachen, diesmal war es echt. „Irgendwie war er schon sehr liebenswert.“ Sie seufzte.
„Aber?“
„Was meinst du mit Aber?“ Franzi ließ nicht locker.
„Warum hast du ihn nicht geheiratet?“

„Tja, warum? Eigentlich war er perfekt. Ein bisschen verrückt war er schon. Er interessierte sich ungeheuer für Laurie Anderson und ihren Viophonographen. Er fuhr mit mir auf die Documenta in Kassel. Stundenlang sind wir über die Flure geschlendert. Er konnte gar nicht genug kriegen von dem Zeug. Ich kann dir nicht sagen, was es war. Vielleicht nur ein Gefühl. Irgendwie blieb er mir immer fremd.“
Walli rieb sich die schmerzende Wange, bevor sie leise weiter sprach:
„Ich wusste es an dem Tag, als ich das erste Mal für ihn kochte. Dass er mein Ossobucco nicht mochte, konnte ich ihm nicht verzeihen. Weißt du, er war doch sonst immer so charmant, schmeichelte jedem, brachte mir Blumen. Sogar meiner Mutter machte er Komplimente, die sie weiß Gott nicht verdient hatte. Hätte er nicht wenigstens so tun können, als hätte es ihm geschmeckt? Oder sich genieren, wo ich stundenlang in der Küche gestanden hatte. So ein Ossobucco kocht sich nicht mal eben in einer halben Stunde. Weißt du, was er gesagt hat?“
Franzi schüttelte den Kopf. Gebannt wartete sie auf die Worte, die eine Liebe zerstört hatten. „Knoblauch mag ich nicht.
Das war alles.
Er hat den Teller weggeschoben und geschwiegen. Lange haben wir geschwiegen. Ich kämpfte mit den Tränen. Erst, als meine Stimme wieder Kraft hatte, sagte ich: Geh.“
Sie schob ihre Tasse über den Tisch. Franzi stand auf und füllte sie mit Kaffe und extra viel Milchschaum. Wie tröstet man eine alte Frau?
„Er ist gegangen und nicht wieder gekommen.“ Fast wäre ihr die Tasse aus der Hand gerutscht. Franzi konnte sie gerade noch sicher vor der alten Dame abstellen.

„Und du hast ihn nie wieder gesehen?“
„Doch. Dreißig Jahre später traf ich ihn zufällig wieder. Er ist doch nicht Musiker geworden. Hat noch Medizin studiert…“ Wieder ein Seufzen.
„…Zahnmedizin.“
„Dr. Rittberger?“
Walli nickte langsam, lächelte in ihren Kaffee und sprach kein Wort mehr an diesem Tag. Am nächsten konnte sie schon wieder Brötchen essen.

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3 Gedanken zu “Doppelter Rittberger

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