Ein Ort zum Träumen

Der Schrottplatz von Axel und Fred war eine richtige Vetternwirtschaft. Vettern – das waren sie nämlich. Nennt man doch so, oder? Jedenfalls waren sie Cousins, und die einzigen in der Familie, die sich richtig gut verstanden haben. Der Rest wollte weder mit ihnen, noch miteinander irgendwas zu tun haben – jedenfalls NACH der Wende. Im Ostblock haben sie ja sprichwörtlich zusammengehalten. Aber danach zählte nur noch – na was wohl? Das liebe Geld.
Freds kleiner Bruder hatte schon die Dollarzeichen in den Augen, als er vom Begrüßungsgeld erfahren hat. Und nicht lange gefackelt. Ein paar Stunden später saß er im Ruhrgebiet, hockte der armen Tante Bärbel auf der Pelle, die all die Jahre froh gewesen war, dass die Familie im Osten schön hinterm Stacheldraht fest gesessen hat. Aber da hatte sie ihn an der Backe, mit Kind und Kegel. Sogar ihren blöden Regenschirm hat seine Frau mit in den Westen genommen.
Und? Was soll man sagen: Ein voller Erfolg. Dauerte nicht lange, da saßen sie in ihrem Eigenheim, Komplettausstattung von IKEA, einschließlich Kunstledersofa und ein Stein-Buddha im Garten.

Aber das wollte ich ja gar nicht erzählen. Denn so haben es ja die meisten gemacht. Fred und Axel aber nicht. Die sind da geblieben, auf ihrem Schrottplatz. Weiß der Geier, wovon sie gelebt haben. Viele kamen ja nicht vorbei. Aber wenn, wurden sie erstklassich bedient, versteht sich. Der Axel hat die alten Teile ausgeschraubt und dann erst mal ein Bier weg gezischt. In der Zwischenzeit hat Fred die Teile montiert. Der Kunde kriegte auch ein Bier. Und als man gerade richtig schön ins Plaudern kam – alte Zeiten und so – war das Auto ratzfatz schon wieder flott. Viel Kundschaft hatten sie ja nicht, wie gesagt. Aber, wer einmal da gewesen war, der kam wieder. So einen Service kriegste ja heutzutage nirgendwo mehr.
Wenn sie gerade keine Kundschaft hatten, was ja meistens war, haben sie in ihren Liegestühlen gelegen, durch den Drahtzaun auf den alten Acker geguckt und Pläne gemacht. Axel redete immer davon, aus dem Schrottplatz einen Biergarten zu machen.
-Dann hätten wir auch mehr zu tun. Kaufen doch alle Neuwagen heute. Bier geht immer. -Dann müsste man aber zuerst das ganze Zeug weg haben.
Freds Einwand. Das war auch schon die ganze Konversation. Von da an ging jeder seinen eigenen Gedanken nach – und zwar in ganz verschiedene Richtungen. Sie tranken noch ein zweites Bier, und wenn nichts los war, auch ein drittes. Fred trommelte mit den Fingern leise auf dem Ofenrohr, das seit Jahren auf demselben Fleck lag. ⌈Und wenn ein Kunde kam, seufzte Axel und sagte:
-Irgendwann machen wir das. Aber jetzt gibt ’s erst mal Arbeit.
Tja, so war das bei den beiden. Aus dem Biergarten ist natürlich nichts geworden, aber träumen darf man ja wohl.⌋

(Offenbar ist mir eins der 10 vorgegebenen Worte abhanden gekommen: „diffus“. Der Vollständigkeit halber gibt es noch ein…)
…Alternatives Ende:
Das Schweifen der Gedanken hatte zusammen mit den Bierchen ein diffuses Gefühl im Kopf hinterlassen. Wenn an solchen Abenden noch ein Kunde kam, wurde er wortkarg und ohne speziellen Service bedient. Aus ihnen sind dann wohl später die Rufmörder geworden, die dem Unternehmen den letzten Schwinger verpasst haben. Na ja, konnte wohl auf Dauer nicht gut gehen. Aber es war zweifellos besser als alles, was danach kam. So viel ist mal klar.

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3 Gedanken zu “Ein Ort zum Träumen

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