Vorhölle des Autors

Es war einer der letzten schönen Spätsommertage, als er mit der obligatorischen Verspätung in Berlin eintraf. Irgendwie stimmte es ihn tröstlich: Die Verspätung der Bahn gehörte zu den wenigen Dingen, die schon früher so gewesen sind und sich wohl nie ändern würden. Er brauchte diese Dinge, um nicht unterzugehen, und er nahm sie als ein kleines Wunder.
Die Stadt summte wie ein Bienenstock. Die Berliner bevölkerten die Straßen. Nachdem sie während der drückenden Sommerhitze den Asiaten das Feld überlassen hatten, eroberten sie jetzt ihre Welt zurück.
In den Zeitungsauslagen die Titelblätter: Der Besuch des Dalai Lama war das alles beherrschende Thema. Das konnte er gut verstehen, aber würde überhaupt jemand zu der Lesung kommen?
Es war seine erste Lesung, und er war nervös wie nur was.

Mit dem Bus fuhr er die ganze Kantstraße rauf, die mehr Kilometer maß als der Ort, in dem er sich niedergelassen hatte, um zu schreiben. Seine Hände schwitzten. Die Haltestange war schön kalt, konnte aber auch nicht viel helfen. Bevor er ausstieg, rieb er seine Hände an der Jeans trocken und griff nach dem Koffer. Es war ein kleiner Koffer, der ihm immer unangemessen vorkam. Er vermittelte eine Strenge, die nicht zu ihm passte. Aber der alte Tramperrucksack war auch keine Alternative. Der Verleger war schon da – Gott sei Dank. Hoffentlich bekam er seine Nervosität in den Griff. Er war der einzige Mensch, den er in der Stadt kannte. Dass er ein Bier bestellte, machte ihn irgendwie sympathisch. Obwohl er selbst lieber bei Nichtalkoholischem blieb.
Aber sonst würde er alles mitmachen, dieser Mann ihm riet. Er war schließlich der Profi, kannte sich aus im Geschäft, in der Stadt, kannte das Publikum.
Er selbst konnte nur schreiben. Und das offenbar ganz gut: Sein Debutroman gleich ein Bestseller. Wer konnte das ahnen? Monatelang hatte er an seinem Schreibtisch gesessen und keinen Menschen gesehen. Und jetzt eine Lesetour. Das war hart. Er wollte nicht unprofessionell erscheinen. Dennoch musste er fragen, was er anziehen sollte. Besser jetzt und hier unprofessionell als später.
Er bestellte Tomatensuppe, und später Kamillentee.

Die Lesung war ein voller Erfolg. Noch eine Dreiviertelstunde musste er signieren. Nur, dass sein Magen knurrte, wie ein räudiger Dackel, war ihm ein bisschen peinlich.

 

 

 

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3 Gedanken zu “Vorhölle des Autors

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