Der erste Schritt

Lisa ließ die Tasche fallen, sobald sie den Raum betrat. Sie hatte nie bemerkt, wie klein das Zimmer war. Dass ihr nach einem Semester ihre Vergangenheit schon so armselig vorkommen würde! Immerhin hatte sie hier ihre Kindheit verlebt, die längste Zeit ihres Lebens, und die ganze Palette rauf und runter: Freudentränen, Lachanfälle, erstes Knutschen…
Sie machte den Schrank auf, um die winzige Spiegelkachel zu finden, vor der sie sich heimlich geschminkt hatte. Sie war nicht mehr da. Im Schrank lag jetzt Bettwäsche, ein paar Tischdecken und mehrere Seidenschals, die Lisa in einem Ferienlager gebatikt hatte.
Lisa seufzte und ließ sich aufs Sofa fallen, das anstelle ihres Bettes an der Wand stand. Darüber hing ein Kalender mit Strandfotos: Sonne, Sand und heile Welt – zwölf mal. Sogar ein Bild aus Südafrika war dabei: Menschen aller Hautfarben friedlich vereint. Schöne Jungs surften auf den Wellen des Pazifischen Ozeans, und in Rio spielten sie Fußball – was sonst.
Mama hatte versucht, dass Zimmer etwas heimelig zu machen. Es war jetzt ein Gästezimmer. Aber wer, außer Lisa würde hier übernachten? Also hatte sich eigentlich nichts verändert, außer der Tatsache, dass sie jetzt nicht mehr hier war.

Ihre Mutter hatte den Abschied schwer genommen. Später im Auto fiel ihr auf, dass sie nie etwas für sich gemacht hatte.  Wie eine Last hing das an Lisa. Sie stand auf, ging ans Fenster und betrachtete die Silhouette der Marienkirche, ein gothischer Bau, deren große Fenster matt leuchteten. Nie hatte sie seine Schönheit bemerkt, nicht, solange sie hier gelebt hat.
Mama war in der Küche verschwunden. Wie bei allen Müttern zeigte sich die Liebe zu ihrem Nachwuchs vor allem in voll bepackten Tellern. Das erklärte auch ihre panische Reaktion auf Lisas Hinweis, dass sie nur noch vegan aß.
Sie kam zurück.

„Ich habe uns erst einmal Tee gekocht. Und ein paar Aprikosen – Kekse isst du ja wohl nicht?“

„Alles super. Getrocknete Aprikosen nehme ich zur Uni auch immer mit.“

„Na gut. Aber für heute Abend muss ich dann noch einkaufen. Und morgen Mittag? Ich weiß gar nicht, was ich kochen soll…“

„Wir können zusammen einkaufen gehen. Ich muss mich auch mal bewegen nach der langen Fahrt.“

„Weißt du, ich könnte einen Kochkurs machen. Die Volkshochschule bietet so was an, für Vegetarier und so.“

 

Puh! Das würde ein langer Tag werden. Und eigentlich war Lisa schon von der Autofahrt ein bisschen müde. Bei diesem Gedanken bekam sie sofort ein schlechtes Gewissen. Sie sollte es genießen, und in ein, zwei Tagen wären auch ihre Freundinnen zu Hause.  Den Abend mit ihrer Mutter würde sie schon ‚rum kriegen, immerhin kam ein Film mit Anthony Hopkins. Und dann wollte sie sich nicht beklagen – es gab Schlimmeres als ein bisschen Langeweile.
Im Grunde waren es ja nur die Schuldgefühle, die sie fertig machten. Wenn sie ihre Mutter überzeugen konnte, etwas für sich zu tun, und wenn es nur ein dämlicher Kochkurs war, bestand noch Hoffnung. Sie nahm sich vor, Geduld mit ihr zu haben. Lisa lächelte. Der Dampf aus der Teetasse ihrer Mutter verschleierte ihr Gesicht. Nur die Perle ihres Ohrrings blitzte für einen winzigen Moment im Schein der Lampe auf – wie ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Oder?

 

 

 

 

 

 

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