Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres

Im Zusammenhang mit dem offenen Brief deutscher Autoren an Amazon war ja kürzlich Tanja Dückers im TV zu sehen. Ein kurzer Blick auf ihre Veröffentlichungen bestätigte meine Erinnerung, noch gar nichts von ihr gelesen zu haben. Also habe ich kurzer Hand ihren Roman „Der längste Tag des Jahres“ gekauft…

…und es nicht bereut. Anfangs hatte ich die Befürchtung, schon wieder so ein fragmentarisch angelegtes Werk in die Hände bekommen zu haben, doch dem war nicht so. ( In der letzten Zeit habe ich vermehrt Bücher gelesen, die m. E. die Bezeichnung „Roman“ zu Unrecht verpasst bekamen, da es sich eher um lose verbundene Textfragmente handelte, ohne die Merkmale eines Romans.)

In diesem Fall war es – zum Glück – anders. Ausgangspunkt bzw. auslösendes Ereignis ist der Tod des Vaters. Er ist zugleich das verbindende Element der Geschichte. In den einzelnen Kapiteln erlebt der Leser wie die fünf erwachsenen Kinder mit der Nachricht umgehen. Er gerät in den Sog ihrer Gedankenwelt und erfährt viel über jedes einzelne Familienmitglied – sowohl aus der Innensicht, als auch über die Perspektive der Geschwister.
Schnell wird deutlich, wie unterschiedlich sie sich selbst,den Vater und die anderen Geschwister wahrnehmen. Es entsteht ein komplexes Bild, das v. a. die Vielschichtigkeit und die Bedeutung der individuellen Wahrnehmung vermittelt.
Natürlich geht es um verletzte Gefühle, um Neid, Enttäuschung, Missverständnisse. Aber auch die Rolle, die Jeder bereit ist, in diesem vertrackten Gebilde, das wir Familie nennen,  zu spielen. Die Geschwister unterscheiden sich sehr im Hinblick auf ihre Ansichten, ihre Ziele und Lebensweise.

Es steckt so Vieles in dem Buch. Überzeugend ist besonders die Ambivalenz von Selbst- und Fremdbestimmung, die vielleicht in keinem sozialen Gebilde so stark ist, wie in der Familie. Jeder hat seinen Platz, seine Startbedingungen, doch wie geht er damit um? Mit wem kooperiert er oder sie? Wer wird zum Gegner und wie offen werden Konflikte ausgetragen? Immer hat man eine Wahl, auch wenn man mitunter zwischen zwei Übeln wählen muss. Das Interaktive in den Beziehungen stellt Tanja Dückers sichtbar heraus, eine durchaus inspirierende Geschichte, trotz der Banalität des Themas, oder vielleicht gerade deshalb. Es ist die Darstellung des Vertrauten in einer ungewohnten Weise, nämlich aus der Sicht des anderen. Während wir unsere eigene Selbstwirksamkeit oft nicht wahrnehmen, und uns als Spielball des Schicksals oder der Umstände erleben, hat unser Gegenüber doch meist einen ganz anderen Eindruck.

Es lohnt sich mit Sicherheit, darüber nachzudenken, und scheinbare Zwangsläufigkeiten hin und wieder zu überdenken. Ob der Roman dies alles wollte, sei dahin gestellt. Mich hat er jedenfalls beeindruckt – auf unscheinbare Weise.

 

 

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2 Gedanken zu “Tanja Dückers: Der längste Tag des Jahres

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