Ein Ort wie aus einem Roman

Das Café war ein besonderer Ort, an dem zu verweilen mit gewissen Schwierigkeiten verbunden war. Es wurde von zwei älteren Damen geführt, einer Konditorin und…? Was die andere von Beruf war, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls waren sich alle, die darüber sprachen, einig, dass man dort die besten Torten der Stadt bekäme.
Nachdem verschiedene Bekannte mir gegenüber davon geschwärmt hatten, entwickelte sich die Idee, dort zu Schreiben. Ich stellte mir vor, das Café mit einer gewissen Regelmäßigkeit aufzusuchen, um mich dort inspirieren zu lassen. Als ich gerade in der Nähe war, und etwas Zeit erübrigen konnte, versuchte ich mein Glück. An der Glastür war ein kleiner handschriftlich verfasster Zettel befestigt, der Folgendes versprach:

Das Café ist geöffnet

di-do 10.00-11.30

mi, fr und sa 15.00-18.00

Enttäuscht stand ich vor der verschlossenen Tür, war aber so geistesgegenwärtig, mir die Zeiten zu notieren. Bei meinem nächsten Anlauf waren die Chancen allerdings nicht besser. Es war Mittwoch Nachmittag, kurz nach Vier. An der Tür war keine Notiz, die erklärte, warum der Laden geschlossen war. Die Stühle waren mit den Sitzflächen auf die kleinen runden Tische gestellt worden. Der Anblick ihrer blanken Beine, die nach oben ragten, versetzte mir einen Stich. Ich fühlte mich betrogen.

Es kam vor, dass ich am frühen Abend mit dem Bus dort vorbei fuhr, und das Café in schummeriger Beleuchtung und gut besucht durch die verdreckten Scheiben sah. Zu der Enttäuschung gesellte sich Neid. Wer waren diese Menschen, die offenbar mehr wussten als ich? Ich tröstete mich mit der Vermutung, es handele sich um eine geschlossene Gesellschaft oder eine besondere Veranstaltung. Erneut war mein Ehrgeiz geweckt, und ich versuchte es wieder. Den Zettel mit den Öffnungszeiten warf ich weg und machte aufs Geratewohl einen kleinen Abstecher, wenn ich in der Gegend war.

Beim fünften Mal hatte ich Erfolg. Ich konnte es gar nicht glauben. Es war inzwischen November geworden. Die Tage waren schon recht kurz, und die Weihnachtsbeleuchtung zauberte einen nostalgischen Glanz in die feuchte Dunkelheit des frühen Abend.
Im Innern des Cafés war es warm und behaglich. Es war gut besucht, und ich konnte von Glück reden, dass in der Fensternische noch ein kleiner Tisch frei war. Die anwesenden Gäste waren zu zweit oder dritt und unterhielten sich leise. Ihr Gemurmel füllte den kleinen Raum ebenso wie der Dunst der feuchten Jacken. Nur eine junge Frau saß allein an einem Tisch neben der Theke und las. Es roch nach Kaffee und Pfeife. In größtmögllicher Entfernung zu meinem eigenen Tisch saß ein älterer Herr mit Franzosenkappe und angegrautem Bart, der Pfeife rauchte. Niemand störte sich daran, was mich nicht wirklich wunderte. Ich wusste, dass hier eine ganz eigene Ordnung herrschte, die sich dem Gast sicher nicht beim ersten Besuch offenbaren würde.

(Fortsetzung)

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7 Gedanken zu “Ein Ort wie aus einem Roman

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