II. Ein Ort wie aus einem Roman

(Fortsetzung von Teil I)

Die junge Frau sah zu mir ‚rüber. Dann legte sie ihr Buch auf den Tisch und kam an meinen Tisch. Sie war sehr schlank, sehr hübsch und sehr schlecht gelaunt. Erst, als sie vor mir stand, merkte ich, dass sie über einem schwarzen Kittelkleid eine weiße Schürze mit Rüschen trug. Sie griff in die Tasche der Schürze und holte einen kleinen Notizblock und einen Bleistift heraus. Gelangweilt sah sie mich an, den Stift in Bereitschaft, wobei sie fortwährend Kaugummi kaute.

„Ich nehme einen Milchkaffee und ein Stück Schwarzwälderkirsch, bitte.“

„Torte is‘ aus?“

„Wie bitte?“

„Keine Torte mehr. Kaffee geht in Ordnung.“

Sie war schon auf dem Weg zur Theke.

„Moment mal.“

Sie drehte sich auf dem Absatz um und hob die Augenbrauen.

„In der Vitrine haben Sie doch noch zwei Stück.“

„Sind reserviert.“, sagte sie genervt und ging zur Theke. Dort stellte sie die Kaffeemaschine an, die kurz darauf einen Höllenlärm machte und den Laden mit Dampfwolken flutete. Die junge Frau stellte die Tasse mit dem Kaffee auf ein Tablett, kam mit großen Schritten zu mir und stellte mir den Kaffee vor die Nase.
„Sonst noch was.“ Es war keine Frage, eher eine Warnung, ihre Freundlichkeit nicht zu sehr zu strapazieren. Ich schüttelte den Kopf. Sie setzte sich und fuhr mit ihrer Lektüre fort.

Ich lehnte mich zurück. Während ich darauf wartete, dass der Milchkaffee abkühlte, beobachtete ich das Geschehen im Café. Eigentlich stimmt das so nicht, denn es gab nichts zu beobachten. Obwohl die Tische nicht weit auseinander standen, und an jedem Tisch gesprochen wurde, konnte ich nichts davon verstehen. Es ist nicht so, dass ich lauschen wollte. Aber es war doch merkwürdig, dass nicht einmal ein Wort oder eine Wendung herauszuhören war. Alle sprachen so leise, dass es fast unheimlich war. Ich fühlte mich wie ein Eindringling. War das Café nur eine Tarnung?
Aber wofür?

Ich hatte das Gefühl, dass alle auf etwas warteten, und zwar nicht so wie ich, darauf, dass irgendetwas passierte. Es schien mir so, als wüssten alle, worauf sie warteten. Alle, außer mir.
Ich trank meinen Milchkaffee und betrachtete das altmodische Inventar. Die Tische und Stühle waren gewöhnliche Kaffeehausmöbel. An den Wänden hingen Ölbilder in barocken goldenen Rahmen. Alle zeigten das Meer, mal ruhig, mal stürmisch. Mal waren Boote zu sehen, mal nicht. Am Seltsamsten war das Bild, das über dem Tisch des Franzosen hing: Ruhige See unter ruhigem Himmel, das war ’s.
Zwischen den Bildern hingen kleine Wandlampen mit orange-roten Stoffbezügen, von denen goldene Schnüre zum An- und Ausschalten herunter hingen. In der Mitte der Decke war eine riesige Stuckrosette, unter der ein Kronleuchter hing, der trotz der vielen Birnen und Glaskristalle den Raum nicht wirklich erhellte. Die Straßenlaterne vor dem Fenster machte ihm regelrecht Konkurrenz.

Nach einer Dreiviertelstunde beschloss ich, zu gehen. Ich bezahlte bei der jungen Frau, die erstaunlich schnell auf meinen fragenden Blick reagierte. Vorsichtshalber gab ich ihr Trinkgeld.

„Haben Sie morgen geöffnet?“ Ich versuchte, beiläufig zu klingen.

„Wenn nichts dazwischen kommt.“

„Was sollte schon dazwischen kommen?“ Hörte sich das so harmlos an, wie ich es beabsichtigt hatte?

Sie legte die Händen auf die schmalen Hüften.

„Ich mach‘ nur Aushilfe, wenn Rose anruft. Und morgen kann ich nicht. Wenn den Beiden also nichts dazwischen kommt, is‘ morgen offen.“

Sie lächelte, und ich lächelte zurück. Es war nur ein Reflex. Auf dem Weg zum Bus ärgerte ich mich schon wieder. Was soll denn das heißen: „Wenn den Beiden nichts dazwischen kommt“? Und wer reserviert in einem Café zwei Stück Schwarzwälderkirschtorte? Wieso fühlte ich mich von diesem Café dauernd betrogen?

(Fortsetzung)

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