III. Ein Ort wie aus einem Roman

(Fortsetzung von Teil I und Teil II)

Am nächsten Tag war das Café geschlossen. Auch an den zwei folgenden Tagen fuhr ich mehrmals vergeblich am Café vorbei. Ohne, dass ich etwas dagegen tun konnte, entwickelte sich die Sache zur fixen Idee. Ich konnte mich dem Sog dieses seltsamen Ortes nicht entziehen. Endlich – Freitagabend brannte wieder der Kronleuchter. Ohne zu zögern, trat ich ein.
„Ach, wie schön. Wir haben gerade noch ein Plätzchen frei.“
Eine alte Dame kam mit auf mich zu, hakte sich bei mir ein und lotste mich zu demselben Platz, an dem ich das erste Mal gesessen hatte. Ich quetschte mich hinter den Tisch und setzte mich. Sie stand mir nun gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches.
„Ich bin Rose.„
Dabei legte sie die rechte Hand auf den Kragen. Rose war unglaublich dürr. Sie trug ein rot gemustertes Kleid und darüber eine gelbe Küchenschürze.
„Wieder ein neues Gesicht in unserem kleinen Café. Wie aufregend! Das erste Mal, nicht wahr?“
„Anfang der Woche war ich auch schon mal hier, aber da war die Torte schon aus. Leider.“
„Oh. Das tut mir leid. Aber, was soll ’s? Heute haben Sie Glück. Wir haben eine ganz wunderbare Ananas-Zitronen-Schnitte. Die müssen Sie unbedingt probieren.“
Ich zog meine Jacke aus. Während Rose zur Theke lief, hängte ich sie über die Stuhllehne. Sie kam mit der Karte zurück.
„Trinken Sie Kaffee oder Tee?“
„Ach, vielleicht nehme ich wirklich einen Tee. Es ist ja schon spät.“
„Einen Darjeeling, vielleicht?“
„Ja, gerne.“
Sie nahm die Karte wieder mit. Bis auf eine junge Frau mit Kinderwagen waren dieselben Gäste da wie beim letzten Mal. Und sie saßen alle wieder auf denselben Plätzen. Merkwürdig, wie es jeder geschafft hatte, seinen Platz zu ergattern. Und ich saß ja auch wieder am selben Tisch, der wie durch Zauberei noch frei gewesen war.
Rose brachte Tee und Torte. Das Porzellan sah aus wie vom Flohmarkt, war aber gut erhalten. Das ganze Ambiente war so antiquiert, da hätten nur noch die Spitzendeckchen gefehlt. Erinnerungen an meine Großtante kamen auf. Rose und ihre Freundin – wie hieß sie noch gleich? – machten anscheinend Zugeständnisse ans 21. Jahrhundert. Die Tischdecken waren jedenfalls schlicht weiß. Und die Stoffserviette, die neben meinem Teller lag, ebenfalls.
Lautes Rascheln unterbrach meine Gedanken. Der Franzose blätterte seine Zeitung um. Ich betrachtete seufzend mein Tortenstück und stach mit der Gabel hinein. Was soll ich sagen? Sie schmeckte himmlisch. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich lieber was mit Himbeeren oder Kirschen genommen. Aber die hatte ich offensichtlich nicht gehabt. Warum eigentlich nicht? Ich sah zur Theke. Die Vitrine war leer. Also hatte ich wirklich Glück gehabt. Ich lehnte mich zufrieden zurück und begann, die Sache zu genießen.
Die junge Frau saß am Tisch neben dem Franzosen. Sie hatte ihr Kind auf dem Arm und gab ihm die Flasche. Nervös drehte sie sich zur Theke. Dann rückte sie den Stuhl etwas zur Seite, sodass sie bequem dort hinschauen konnte. Rose lächelte ihr aufmunternd zu.
Am Nachbartisch saßen drei Frauen im mittleren Alter. Sie sahen aus, als wären sie vorher zusammen beim Frisör gewesen. Ob sie Kolleginnen waren? Auf unbestimmte Art sahen sie nicht berufstätig aus, aber gab es das heute überhaupt noch? Eher der Mama-Typ, aber von der schicken Sorte, »modern Housewifes« sozusagen. Genau in der Mitte des Raums, unter dem Kronleuchter, saß ein altes Paar, so an die 70. Sie guckte ungeduldig auf ihre Armbanduhr und sah gequält aus, woraufhin er seine Hand auf ihre legte und leise mit ihr sprach. Wer in der zweiten Fensternische hinter der Tür saß, konnte ich von meinem Platz aus nicht sehen. Ich nahm mir vor, beim Rausgehen, darauf zu achten.
Plötzlich ging eine Bewegung durch den Raum. Ich konnte es nicht wirklich festmachen, aber mir schien, dass alle mit einem Mal unruhig wurden. Dann war es still. Die alte Frau sah gespannt zur Theke. Rose hatte sich gebückt und richtete sich gerade wieder auf. Sie stellte etwas auf die Theke. Es war… – ich hätte beinahe laut losgelacht. Es war ein uraltes Telefon, schwarz und klobig, mit großem Hörer. So alt, wie es war, musste es eine Wählscheibe haben, was ich aber nicht sehen konnte. Sofort hatte ich das angenehme Tickern im Ohr, wenn man die Scheibe zum Wählen bewegte, und dann das sssssssssssssssst, wenn sie wieder zurückkam. Noch immer war es absolut still. Es war fast unheimlich.In diesem Raum waren mindestens 15 Menschen. Und das Baby, nicht zu vergessen. Es muss eingeschlafen sein, jedenfalls hatte die Frau es nicht mehr auf dem Arm. Wie die anderen, starrte sie gebannt auf das Telefon. Tatsächlich schienen sie auf einen Anruf zu warten. Alle? Alle sahen dorthin. Also warteten sie darauf, dass es klingeln würde. Sie hatten demnach einen bestimmten Grund, warum sie hier saßen. Und offenbar hatten alle denselben Grund oder dasselbe Ziel. Was auch immer.

Ich erstarrte. Und beschloss, es ihnen gleich zu tun. Nein, das stimmt nicht. Es war kein Entschluss, auf das Telefon zu schauen, es war wie ein Zwang.Das Telefon zog sämtliche Blicke auf sich, alle Energie in diesem Raum richtete sich darauf. In der Luft herrschte eine Spannung, die von Moment zu Moment immer schwerer auszuhalten war. Langsam ließ ich die Luft aus meiner Lunge, nachdem ich beinahe erstickt wäre, lockerte meine Schultern und ließ das Telefon nicht mehr aus den Augen.
Und dann: Drrrrrrrrrrrrrrrrring – durchschnitt der schrille Ton die Stille. Rose sah genauso ernst auf das schwarze Telefon wie alle anderen. Nach dem dritten Klingeln hob sie ab, hielt sich den riesigen Hörer ans Ohr und sagte mit geschäftsmäßiger Sachlichkeit:
Ja?«

(Fortsetzung)

Advertisements

5 Gedanken zu “III. Ein Ort wie aus einem Roman

schreib, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s