Malla Nunnn: Ein schöner Ort zum Sterben

»Kriminalroman« steht auf dem Deckblatt, und genau das ist es auch. Ich habe das Buch auf meiner Seite »Bücherliste« unter ROMAN aufgeführt, da es weit mehr ist als ein Krimi. Natürlich handelt es sich eine um eine Abkürzung, die aber das Wesen dieser Geschichte nicht erfasst. Die nämlich ist weit mehr Roman als Krimi. Der Mord, den Detective Cooper aufzuklären hat, ist nur Auslöser der Geschichte, die die sich daraufhin entrollt.
Schon nach wenigen Zeilen findet sich der Leser im Apartheid-Regime Südafrikas wieder, und zwar in seiner schärfsten Form. Die Geschichte ist in den 50er Jahren angesiedelt. Die Rassengesetze sind gerade in Kraft getreten und vergiften die Atmosphäre mit ihrer willkürlichen Verteilung von Chancen, Macht und Geld.
Malla Nunn holt ihre Leser rasch ins Boot. Ohne sich mit langatmigen Erklärungen oder Beschreibungen aufzuhalten, erzeugt sie Bilder, denen man sich kaum entziehen kann. Ihre Figuren, das Land ihrer Geschichte und ihre Welt – eine fiktionale Welt und zugleich historische Wirklichkeit – werden lebendig und nehmen den Leser mit in dieses schöne, schreckliche Land.
Malla Nunn zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass weder die Unterdrückten, noch die Herrschenden sich dem System entziehen können. Auf beiden Seiten generiert es vor allem Leid – wenn auch in unterschiedlichem Maß. Doch was die Geschichte besonders macht, ist die Rolle, die das Apartheid-System darin einnimmt. Es stellt nicht nur die Rahmenbedingungen für das Leben und Agieren der Figuren. Wie kaum ein anderes Wertesystem beherrscht es die Köpfe der Menschen, beeinflusst jeden Gedanken, jede Entscheidung und wird schließlich zum dominanten Akteur.

Detective Cooper, der heldenhaft für die Gerechtigkeit eintritt, steht keinesfalls außerhalb dieses Systems. Er wird geplagt von Gewaltfantasien, ausgelöst durch traumatische Kriegserfahrungen. Gerne wäre er so weiß, wie er aussieht – einschließlich der dazu gehörenden Privilegien. Doch das afrikanische Blut in seinen Adern verwehrt ihm den Zugang zu den Orten den Herrschenden. Cooper geht in diesem System unter. Er ist ein unauffällig Leidender, ein Unterdrückter, den niemand sieht. Auch, wenn er viel mehr Möglichkeiten hat, als die eigentlichen Verlierer der Rassenpolitik, hat er stets vor Augen, was ihm versagt wird. Nach den Rassengesetzen steht er zwischen den herrschenden Buren und den unterdrückten Afrikanern. Er fühlt sich mal der einen, mal der anderen Seite näher. Und meist gehört er weder hier noch dort dazu. Seine innere Zerrissenheit führt ihn immer wieder zwischen die Fronten, setzt ihn den Aggressionen beider Seiten aus, bis er endlich bereit ist, Position zu beziehen. Am Ende wird deutlich, wie sehr Coopers Geschichte die Geschichte der Apartheid erzählt.

Und der Krimi?
Captain Pretorius, Dorf-Sheriff und Schwiegersohn einer mächtigen Burenfamilie, wird ermordet. Trotzdem er in den Kreisen der Mächtigen zu Hause war, wurde er von allen geliebt. Tatsächlich?
Stück für Stück entblättert Detective Cooper das Bild des weißen »Good Guy«. Auch der Captain stand nicht außen vor. Auch er unterlag den Gesetzen der Apartheid. Sein gewaltsamerTod beweist, dass er sich ihnen nicht entziehen konnte.

Ein hintergründiges Buch, das nicht nur von einer historischen Epoche in einem fremden Land erzählt. Vielmehr geht es um die Entscheidungen, die Menschen unter solchen extremen Bedingungen treffen. Es sind keine freien Entscheidungen, und keine leichten. Aber jeder Einzelne hat sie vor seinem Gewissen zu verantworten und muss mit ihnen leben.
Schade, dass die Schönheit dieses Ortes ein bisschen zu kurz kommt.

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3 Gedanken zu “Malla Nunnn: Ein schöner Ort zum Sterben

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