Ein Ort wie aus einem Roman … IV

(Fortsetzung von Teil I / Teil II / Teil III)

Wie versteinert starrte ich zur Theke, wo Rose mit dem Telefon stand. Das Licht hinter ihr war viel heller als der Kronleuchter. Ihre Silhouette verschmolz mit der des altmodischen Hörers vor dem Licht der angestrahlten Gläser. Sie stand ganz ruhig. Das einzige Geräusch im Café war die Stimme, die aus dem Hörer kam, unendlich fern und nicht zu entziffern.
»Gut«, sagte sie schließlich, trat einen Schritt zurück, beugte sich vor. Ich hörte, dass sie eine Schublade aufzog, die leise wieder zuklappte. Rose legte einen Bogen Papier auf die Theke, stützte sich mit dem linken Ellenbogen auf, den Hörer noch immer am Ohr. Die Stimme in der Leitung war ununterbrochen zu hören. Rose zog einen Bleistift aus der Schürzentasche und begann zu schreiben. Der Stift kratzte über das Papier. Langsam wurde ich ungeduldig. Den Anderen schien es genauso zu gehen. Etwas wogte durch den Raum wie eine leichte Brise, ein kollektives Ausatmen. Es war, als hätte das Café selbst einen Seufzer gemacht.
Jetzt hatte ich mich doch ablenken lassen. Roses Stimme erklang, und ich zuckte zusammen. Sie war laut und von solcher Klarheit, dass sie das Surreale dieser Situation mit einem Streich aus dem Laden fegte.
»So, meine Lieben. Es geht in die nächste Runde, und zwar gleich morgen.« Sie holte Luft und ließ den Blick durch den Raum gleiten. Und da sah ich, wie sie strahlte, stolz wie nix. »Kiwi-Straciatella, mit einem Nussboden«, sagte sie feierlich.
Ein Raunen ging durchs Café. Dann wurde es unruhig. Viele kramten in ihren Taschen. Der Franzose klopfte auf seine Brusttasche und zog ein kleines Papier heraus, das er entfaltete. Er sah Rose erwartungsvoll an. Doch die schaute zwischen den Gästen hin und her, nickte mir zu und erhob die Stimme über das Rascheln und Gekrame hinweg.
»Denkt bitte auch an die Namensgebung. Wir brauchen kreative Ideen, und auch, wenn Euch noch etwas zu den anderen Rezepten einfällt, schreibt es auf die Karte oder sagt es mir einfach.«
Sie nahm das Blatt Papier in die Hand und steuerte den Tisch des Franzosen an. Dort legte sie es hin. Sie sprachen leise miteinander. Er nickte. Rose schrieb auf ihr Papier, während er etwas auf seinem Zettel notierte. Sie legte ihm kurz die Hand auf die Schulter und ging zu der jungen Mutter am nächsten Tisch. Während sich dort dasselbe Spiel in leichter Variation vollzog, stand der Franzose auf, legte die Mütze auf den Tisch, zog seine Jacke an, und setzte die Kappe wieder auf. Er ging zur Tür, warf einen letzten Blick in den Raum, der auf mir hängen blieb, und ging. Laut krachte die Tür zu, und ich erwachte aus meinem Tran. Ich bekam ganz heiße Ohren, als mir bewusst wurde, dass ich ihn angestarrt haben muss. Zum Glück sah es niemand. Alle warteten auf Rose, und wer mit ihr gesprochen hatte, zog sich an und ging.
Das Café war schon zur Hälfte leer, als sie endlich an meinen Tisch kam. Diesmal setzte sie sich.
»Werden Sie morgen dabei sein?«
»Äh… Ja. Natürlich.« Ich nickte wie eine Besessene, bis es mir auffiel, also riss ich mich zusammen.
»Wann denn?«
»Das hängt ganz von Ihnen ab.«
»Oh?« Das war unerwartet.
»Ja, dann… Nachmittags wäre gut. So um vier?«
»Schön. Kommen Sie allein oder soll ich zwei Stück reservieren?«
»Nein, nur eins.«
Sie schrieb eine Eins in die Tabelle auf ihrem Papier. Dann sah sie mich an.
»Welchen Namen darf ich notieren, meine Liebe?«
»Anne.«
»Ach, wie schön. Ich mag diesen Namen. Wissen Sie …«, sie schrieb meinen Namen in die Liste während sie sprach,« … meine Schwester hieß so. Ich habe sie immer dafür beneidet.«
»Und … na, die andere Dame, … ihre … Kollegin, das ist gar nicht ihre Schwester?«
»Marie? Nein!«
Sie lachte laut auf, als wäre das eine völlig absurde Annahme.
»Sie lernen sie morgen vielleicht kennen.«
Sie schlug zweimal schnell mit der flachen Hand auf den Tisch.
»Gut, Anne. Ach, eins noch: Wenn Sie mitmachen, können Sie eigentlich heute schon anfangen.
Wie war denn die Torte?«
»Köstlich, wirklich. Sehr lecker … « Ich wollte gerade anfangen zu schwärmen, da unterbrach sie mich.
»Aber nicht flunkern, meine Liebe. Sie wissen ja, das bringt einen nicht weiter. Nun, die anderen Gäste werden ungeduldig.« Sie stand auf. Dann zog  sie eine Karte aus der Schürzentasche, betrachtete sie, und riss sie in der Mitte durch.
»Ach, egal. Die kriegen Sie Morgen. Aber denken Sie noch mal drüber nach, wie Ihnen die Torte geschmeckt hat. Wir wollen es genau wissen. Bis morgen dann. Es hat mich gefreut.«
»Oh. Und mich erst. Auf Wiedersehen, Rose.«
Ich hatte keine Lust, auf den Bus zu warten und ging zu Fuß nach Hause. Ein strammer Marsch von einer halben Stunde. Allerdings war ich nicht bei der Sache und wurde langsamer, während ich über das Café nachdachte. Um die Torten ging es. Sie wollten wissen, wie sie bei den Gästen ankamen. Und davon machten sie so einen Wind, also ehrlich. Zwei alte Damen, die sich aufführten wie Kalle Blomquist im Doppelpack …
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, beschleunigte meinen Schritt und freute mich auf morgen. Kiwi-Straciatella klang auf jeden Fall vielversprechend.

(Fortsetzung. Ja, Ihr Lieben, ein Teil soll noch folgen.)

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