Ein Ort wie aus einem Roman V

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Am nächsten Morgen hatte ich gleich gute Laune. Tatendurstig sprang ich aus dem Bett. Ich freute mich auf den Nachmittag im Café. Diesmal wollte ich es mit dem Schreiben versuchen. Ich schlürfte meinen viel zu heißen Frühstückskaffee und merkte, dass die Anspannung weg war. Bislang war ich immer ein bisschen sauer gewesen, wenn ich an das Café gedacht hatte. Jetzt war der Groll weg. Ich gehörte zu den Eingeweihten. Irgendwie war das albern, und auf meinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus, als mir bewusst wurde, wie sehr ich mich darüber freute. Mit ihrer ganzen Heimlichtuerei hatte Rose es geschafft, mich zu ködern. Wahrscheinlich war es den Anderen auch so ergangen. Was für ein ausgekochtes altes Huhn!

Zum ersten Mal  betrat ich das Café mit einem Gefühl der Zufriedenheit. Rose begrüßte mich wie eine alte Bekannte. Und auch die anderen Gäste nickten mir zu oder murmelten ein flüchtiges »Hallo«. Etwa die Hälfte der Tische war frei. Enttäuscht bemerkte ich, dass der Franzose nicht da war. »Schade«, dachte ich und bekam gleich wieder rote Ohren. Das alte Paar unter dem Kronleuchter grüßte lauter als die anderen Gäste. Die Weiberrunde genoss bereits ihre Torte und seufzte schwärmerisch. An der Wand gegenüber saß ein älterer Herr mit dunkelblauem Jackett und einem Stock mit silbernem Knauf. Er war auch gestern da gewesen, hatte aber mit dem Rücken zu mir gesessen. Jetzt lehnte er mit dem Stuhl an der Wand und folgte Rose mit den Augen. Ein Verehrer vielleicht. Ich ging zu meinem Tisch in der Fensternische, zog die Jacke aus und hängte sie über die Lehne. Und dann hätte ich mich beinahe daneben gesetzt, denn, während ich mich auf den Stuhl niederließ, erscholl ein Dröhnen, welches das Potential hatte, einen Tinnitus auszulösen. Ich hielt mich am Tisch fest und sah hinter der Theke zwei Frauen. Neben Rose stand eine sehr dicke Frau im gleichen Alter, die einen Kochlöffel in der einen und einen Gong in der anderen Hand hielt. Der Gong schwang noch nach, während das Lächeln auf dem Gesicht der Dicken langsam verblasste. Das musste Marie sein, die Konditorin.

»Darf ich?«, fragte eine Stimme neben mir und ließ mich noch einmal zusammen schrecken. Verwirrt blickte ich mich um und sah den Franzosen an meinem Tisch stehen. Er hatte den zweiten Stuhl in der Hand und verharrte in dieser Position. Meine Stimme versagte. Ich antwortete mit einem Nicken und sah schnell wieder zu Rose und Marie. Beide hatten jetzt diesen feierlichen Blick aufgesetzt, den ich schon von Rose kannte.
»Liebe Freunde«, begann Marie. »Ich möchte heute noch eine Ankündigung machen. Wie Ihr seht, sind wir aber noch nicht vollzählig. Bleibt doch bitte noch bis fünf, dann müssten wir komplett sein. Es wäre wirklich schön, wenn Ihr es einrichten könnt. Ansonsten wünsche ich einen guten Appetit.«
Sie ging in die Küche, die hinter der Theke durch eine Saloontür zu erreichen war, und Rose machte  sich an der Vitrine zu schaffen. Ich drehte mich zu meinem Tischnachbarn. Er sah mir offen ins Gesicht und lächelte. Er hatte die Unterarme quer vor sich auf den Tisch gelegt, stützte sich mit den Ellenbogen auf und guckte. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen. Er war gerade im Begriff, etwas zu sagen, da hörte ich Roses schnelle Schritte näher kommen. Sie stellte ein vollbeladenes Tablett auf unseren Tisch und stellte uns die Sachen vor die Nase: Für jeden einen Teller mit Torte, der Franzose bekam ein Glas Tee, ich einen Milchkaffee. Dann kamen eine Zuckerdose, ein kleiner Teller mit Zitronenscheiben und ein Töpfchen für den Teebeutel hinzu. Ruckzuck war der Tisch so voll, dass sie das Tablett in die Hand nehmen musste. »Wohl bekomm ’s«, sagte sie und verschwand. Staunend sah ich auf den gedeckten Tisch.
»Ich hab‹ gar keinen Kaffee bestellt«, bemerkte ich verwundert.
»Möchtest du lieber Tee?« Er bot mir sein Glas an.
»Nein, nein. Alles ok. Hab‹ mich bloß gewundert.«
Wieder lächelte er.
»Sehr zuvorkommend, nicht wahr?«
»Könnte man so sagen.« Ich lachte.
Wir genossen unsere Torte. Und sie war wirklich köstlich. So albern mir das Gehabe am Drei-Weiber-Tisch vorgekommen war, musste ich zugeben, dass sie nicht übertrieben hatten. Nachdem nichts mehr vom Teller zu kratzen war, lehnte ich mich zurück. Der Franzose stellte sich als »Georg« vor. Er war erst Anfang vierzig. Obwohl er ja nicht wusste, dass ich ihn viel älter geschätzt hatte, war es mir unangenehm. Ich versteckte mein Gesicht hinter der riesigen Milchkaffee-Schale, während er mir erklärte, worum es hier ging.

(Fortsetzung)

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2 Gedanken zu “Ein Ort wie aus einem Roman V

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