Ein Ort wie aus einem Roman VI – letzter Teil

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Rose und Marie hatten das Café schon vor einigen Jahren übernommen. Es war stets gut besucht und die Torten hatten reißenden Absatz gehabt. Die beiden alten Damen hatten sich die Hacken abgewetzt, um ihre Kundschaft zufrieden zu stellen. Rose ist darüber immer unglücklicher geworden. Die ganze Sache war ihr über den Kopf gewachsen. Eigentlich hätte ihr eine kleine Stammkundschaft gereicht. Das Haus hatte sie geerbt. Da sie keine Miete zahlen mussten, brauchten sie auch gar nicht so viel Betrieb. Und Marie haute eine Torte nach der anderen raus. Sie improvisierte, was das Zeug hielt, kreierte die wunderbarsten Rezepte, ohne sie für die Nachwelt festzuhalten.
Ihr treuester Kunde und stiller, aber nur zu offensichtlicher Verehrer Karl-Otto (Ihr wisst schon, der Silberknauf) hat Beziehungen zu einem Verlag. Er schlug Marie vor, ein Rezeptbuch für Torten zu machen. Und die war begeistert. Dafür bräuchte sie aber mehr Zeit, sprich: weniger Kundschaft. Wie sollten sie das erreichen, ohne ihre Gäste komplett zu vergraulen?
Während Marie neue Tortenträume ersann, dachte Rose darüber nach, wie sie die Kundschaft auf ein verträgliches Maß reduzieren konnten. Sie fing an, unzuverlässig zu werden. Anfangs war ihr das höchst unangenehm. Es erwies sich aber als sehr effektiv, und so wurde sie immer kühner.  Anfangs hatte sie nur etwas später geöffnet. Doch bald blieb das Café ganze Tage geschlossen. Die ausgehängten Öffnungszeiten hatten mit der Realität nichts mehr zu tun. Innerhalb von 6 Wochen reduzierte sich die Kundschaft auf ein Drittel. Und Rose war zufrieden. Ihr war eine kleine Stammkundschaft geblieben, die flexibel genug war, sich mit der neuen Unzuverlässigkeit zu arrangieren. Es waren vorwiegend Leute aus dem Viertel, die einfach rein kamen, wenn sie sahen, dass das Café geöffnet war.
Nachdem Maries Konzept für das Buch stand, beschloss sie, ihre inzwischen wirklich treue Kundschaft einzuweihen. Und dann begann das Spiel. Marie probierte alle Rezepte noch einmal durch, und ließ sie von den Gästen des Cafés bewerten. Die Öffnungszeiten wurden jetzt wie folgt festgelegt: Marie kündigte für einen bestimmten Tag die nächste Torte an. Und jeder Gast teilte Rose mit, zu welcher Uhrzeit er kommen würde. Die Gäste bestellten ihre Torte im Voraus. Und nach dem Verzehr wurden sie aufgefordert, ihr Urteil abzugeben.

Plötzlich landeten zwei Karten auf unserem Tisch. Georg unterbrach sich und nahm eine Karte in die Hand. Rose räumte schnell unsere Teller ab. Georg legte die Karte so auf den Tisch, dass ich sie lesen konnte.
»Siehst du, hier kannst du eintragen, wie dir die Torte gefallen hat. Du kannst Sterne vergeben, einen Namen vorschlagen …«
Noch einmal erklang das Dröhnen des Gongs, kreiste in wabernden Wellen um die Tische und schluckte jedes Geräusch. Wir drehten uns zur Theke. Marie wartete, bis der letzte Hall verklungen war. Das dauerte eine Weile, doch alle Anwesenden blieben ehrfürchtig still.
»Das war heute die letzte Torte. Ich bitte Euch, ein letztes Mal die Karten auszufüllen. Haltet Euch nicht zurück. Das ist die letzte Gelegenheit, Eure Meinung zu sagen. Danach will ich nichts mehr davon hören. Ich danke Euch für die Mitarbeit. Es gab so viele gute Ideen. Die meisten habe ich berücksichtigt. Nur bei der Namenswahl war das leider nicht möglich, da jede Torte ja leider nur einen Namen haben kann. In den nächsten Tagen werde ich die letzten Änderungen vornehmen. Und dann kommt das Ganze ins Lektorat. Dann sollen die sich damit rumschlagen. Ich hoffe, Ihr hattet genauso viel Vergnügen damit wie ich …«
Maries Verehrer begann zu klatschen. Und bald tobte der ganze Saal. Marie und Rose strahlten und warteten, bis es wieder ruhig war. Dann meldete sich Rose zu Wort:
»Und ab sofort gilt wieder: Wenn offen ist, ist offen.« Sie lachte, und einige Gäste stimmten mit ein. Viele fingen an zu reden, laut und ausgelassen. Innerhalb weniger Minuten erreichte die Lautstärke im Café ein unübertroffenes Maß. Der Franzose gab mir einen Bleistift und ich füllte die Karte aus. Ich gab der Torte fünf Sterne, die in jedem Fall verdient waren, und nannte sie »Froschkönigs Himmelbett«.

Wie selbstverständlich saß Georg seit diesem Tag an meinem kleinen Tisch in der Fensternische. Er war Kavalier und immer etwas früher da als ich. Um ihm das nicht zu vermasseln, versuchte ich stets, pünktlich um vier da zu sein. Wir sind schnell Freunde geworden. Wenn wir uns lange nicht sehen, weil das Café geschlossen ist, kommt er samstags zum Frühstück zu mir. Dann reden wir bis in den Nachmittag. Diese Tage sind mir fast noch lieber als die im Café. Der Franzose (irgendwie passt »Georg« nicht zu ihm) ist ein guter Erzähler, und ich höre ihm gerne zu. Vielleicht hätte er die Geschichte erzählen sollen.

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2 Gedanken zu “Ein Ort wie aus einem Roman VI – letzter Teil

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