Ruf der Wildgänse

Gestern Nachmittag hörte ich ihn, den unverwechselbaren Ruf der Gänse. Was sage ich? Ein Ruf war es nicht, eher ein zigfaches Rufen, ein Mahnen aus vielen Kehlen. Direkt über meinem Haus sammelten sich vielleicht fünfzig Tiere, hoch in der Luft, sehr hoch. Sie kreisten umeinander in nicht erkennbarer Ordnung und riefen zum Sammeln. Während ich den Hals reckte und nach Nachzüglern Ausschau hielt, hatten sie sich längst verständigt.
Etwa die Hälfte der Gruppe formierte sich schnell und stieß gen Süden, während die Übrigen ein Stück weiter westwärts noch einmal umeinander kreiste. Dann brachten auch sie ihren Zug in Formation und zogen über das Dach davon.

Ein gutes Zeichen, wenn man den Zug der Gänse nicht verpasst. Bald werde ich ihrem Ruf folgen, dem Ruf der Ferne. Weniger nach Süden, als nach Osten. Wärmer wird es dort kaum sein, und es ist auch nur für ein paar Tage.
Noch lieber würde ich die kalten Monate auf der warmen Südhälfte der Erdkugel verbringen, die sich nun der Sonne entgegenstreckt. Doch leider kann ich den feucht-kalten Tagen nicht entfliehen. Höchstens stundenweise in die Welt, die ich selbst erschaffen habe. Denn, wenn ich wiederkomme, beginne ich mit dem Schreiben des Manuskripts.
Doch jetzt heißt es, das Wagnis der Reise anzugehen, meine letzte Herausforderung vor dem Schreiben. Mir selbst gestellt, im Augenblick des Übermuts – wie habe ich ihn schon verflucht! Doch es hilft nichts, es gibt kein Zurück, und der Ruf der Wildgänse hallt in mir nach: Sei jetzt bloß kein Feigling!

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2 Gedanken zu “Ruf der Wildgänse

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