Schreiben unter Beobachtung (5)

Figuren-Ensemble

Und dann ging es noch einmal um die Hauptfigur: Diesmal sollte sie beschrieben werden, wie ein Außenstehender (ein Erzähler?) sie sieht. Es ging darum, auf Distanz zu gehen, die Figur mit all ihren positiven und negativen Eigenschaften zu sehen. Wie würden andere Figuren sie sehen, was würden sie an ihr schätzen, was würde ihnen auf den Geist gehen? Worin ist sie gut? Was sind ihre Stärken, was ihre Schwächen.
Diese Fragen sollte man nicht unterschätzen, da sie einem helfen, die Figur nicht zu überhöhen, sondern etwas objektiver, realistischer zu sehen. Man darf sie ja trotzdem mögen, wie im echten Leben auch. Wenn man sie auf diese Weise ganz sehen kann, weiß man auch, wie andere Figuren auf sie reagieren, wann sie sich solidarisch zeigen, und wo ihre Geduld, Freundschaft, Liebe aufhören. Und das ist sehr wichtig, weil es ja um Konflikte geht.

Dasselbe sollte ich dann mit der Antagonistin machen. Ich war froh, dass ich mich schon mit ihr befasst hatte. In diesem Zusammenhang hatte ich mich auch mit der Transaktionsanalyse beschäftigt. Dabei geht es um häufig wiederkehrende Konflikte, die nach einem gewissen Schema ablaufen. Bei mir sind Antagonistin und Protagonistin Mutter und Tochter. Die Konflikte können also eine gewisse Schärfe vertragen. Dennoch stellt sich die Frage: wie werden sich beide Figuren verhalten, wann verschärft sich der Konflikt und warum? Welche Möglichkeiten haben sie, um den Konflikt zu beenden? Welches Entwicklungspotential haben sie und wie kommen sie dahin? (Mehr zum Thema Transaktionsanalyse).

Ich hatte schon recht genaue Vorstellungen zu meiner Antagonistin, wusste um ihre Schwächen und kannte den wunden Punkt, der erklärt, warum sie sich oft irrational verhält. Später würde auch sie sich weiterentwickeln, aber die Hauptfigur musste vorangehen. Sie musste den ersten Schritt tun, eine Annäherung ermöglichen, damit beide sich Schritt für Schritt verändern könnten. So in etwa, sollte es laufen. Wichtig ist mir auch, dass beide am Ende sie selbst bleiben. Entwicklung ja, aber sie dürfen ruhig ein paar Macken behalten. Wir sind ja nicht in Hollywood.

In der folgenden Aufgabe ging es um die Nebenfiguren, deren Zahl auf vier begrenzt wurde. Das erschien mir ziemlich rigoros, macht aber durchaus Sinn. Es bedeutet nicht, dass man im Bedarfsfall noch eine weitere ins Boot holt. Der Versuch, zunächst mit einem übersichtlichen Quartett auszukommen, schafft Prägnanz. Die Nebenfiguren sind diejenigen, die als Gefährten oder Widersacher eine Rolle spielen. Sie bekommen mehr Gewicht, wenn ihre Zahl klein bleibt. Ein weiterer Vorteil ist, dass Autor und Leser nicht den Überblick verlieren.
Die Nebenfiguren bekamen im Kurs noch weniger Aufmerksamkeit als die Antagonistin. Ich nahm mir mehr Zeit und entwarf sie auch gründlicher, als in der Aufgabe gefordert. Vielleicht wäre das nicht nötig gewesen. Ich hatte aber das Gefühl, es gibt mir mehr Sicherheit. Zudem ist es eine gute Übung. Mag sein, dass man mit genug Schreiberfahrung auf diese gründlichen Entwürfe verzichtet. Zur Zeit kann ich mir das nicht gut vorstellen. Die intensive Beschäftigung mit den Figuren war ja gerade der Schlüssel gewesen. Sie hat mir einen viel besseren Zugang zur Geschichte ermöglicht und war deshalb für mich richtig.

Natürlich gibt es noch weitere Figuren, die für die Geschichte eine untergeordnete Rolle spielen, die Randfiguren. Für sie habe ich nur stichwortartig Namen, Alter, Aussehen festgelegt und was ihnen wichtig ist. Einige warten noch immer auf die Bearbeitung.
Nachdem die wichstigsten Figuren entwickelt waren, hatte ich schon eine sehr klare Vorstellung von der Geschichte. Ich hatte das Ding schon halb in der Tasche. Oder?

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