Alice Walker: Sie hüten das Geheimnis des Glücks.

Im letzten Jahr hatte ich eine Reihe von Büchern auf dem Nachttisch, die ich nicht zu Ende lesen konnte. Kommt es mir nur so vor, oder ist das ein Trend, durch experimentelle Strukturen aus dem großen Ganzen eine Art literarisches Gulasch zu machen? Meine Geduld als Leser war überstrapaziert durch Romane, die fragmentarisch bis inhaltsleer daherkommen und ihre Berechtigung in einer künstlerischen, oder besser gesagt: künstlichen Form suchen. Und der Spaß des Lesers bleibt auf der Strecke. Ehrlich gesagt: Ich fühlte mich betrogen und beschloss, auf Bewährtes zurückzugreifen.
 

Ich griff auf Alice Walker zurück. Warum Alice Walker? Für sie spricht vor allem die Tatsache, dass sie es kann. Was man aus ihrer Hand gelesen hat, lässt einen so schnell nicht mehr los. Ihre Bücher sind ein stummer Schrei. Sie beginnen harmlos, erzählen eine Geschichte aus einer anderen Welt. Einer Welt, die nichts mit dir zu tun hat. Gut so. Doch mit der Zeit gewinnt sie an Schärfe. Nach und nach enthüllt sie das Schwert der Unterdrücker. Man sieht von außen nicht, mit welcher Gewalt sie vorgehen. Skrupellos schlagen sie zu, sobald sie ihre Herrschaft bedroht sehen. Es ist die Gewalt des kleinen Mannes. Alice Walker entwirrt das Netz einer Gesellschaft, in der Tradition als Deckmantel einer gewaltsamen Herrschaft dient. Jedes Streben nach Veränderung bedroht die Machtstrukturen. Wer da nicht mitmachen will, wird ausgestoßen.
 
Walker spricht mit leiser Stimme. Als würde dir eine kleine, geschundene Frau gegenüber girl-pixabay.jpgsitzen. Eine sanfte Frau. Sie erzählt ihre Geschichte, erzählt dir, was sie erlitten hat. Sie klagt nicht an. Mit ruhiger Stimme berichtet sie, was ihr widerfahren ist. Und erst, als sie fast am Ende ist, als sich das ganze Ausmaß dessen, was man ihr angetan hat, offenbart, erst dann begreifst du, dass du nicht unbeteiligt bist. Ihre Worte dringen in dich ein und berühren den Kern deines Seins. Und du spürst ein tiefes Verstehen, mehr Fühlen als Denken. Ihre Geschichte berührt dich in deinem Inneren, weil sie dort auf einen Zwilling trifft. Sie spiegelt deinen eigenen Schmerz, den du sorgfältig bewahrt hast, eingewickelt in unzählige Schichten. Die Geschichte packt ihn wieder aus, bis er vollkommen nackt ist. Sie macht dich zur Komplizin. Alice Walkers Geschichten sind ein Kunststück, das man nur selten erlebt.

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