Nabokov-Projekt Nr. 1

Jane Austen: Mansfield Park

… ist das erste Buch, das Vladimir Nabokov in seinen „Vorlesungen über westeuropäische Literatur“ bespricht.

Zunächst ermahnt er seine Zuhörer, das Werk selbst zu betrachten, und es nicht mit der realen Welt zu verwechseln. Austens Romanen wurde immer wieder eine gesellschaftskritische Deutung verpasst. Später wurden sogar die meist nur angedeuteten politischen Verhältnisse als gesellschaftskritische Anteile interpretiert. Wahr ist, dass Austen in „Manfield Park“ die Kolonialisierung NICHT thematisiert.

Nabokob hatte vielleicht bei Jane Austen besonderen Grund, darauf hinweisen, dass das Werk an sich betrachtet werden soll. Er meint aber etwas Grundsätzliches, wenn er sagt, dass jeder Roman, und jede Kunstform, eine Kunstwelt erschaffe, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun habe. Die Figuren und ihr Handeln müssen in diese Kunstwelt passen, um glaubwürdig zu sein. An ihr – nicht an der realen Welt – müssen sie gemessen werden.

Nabokov bespricht eingehend die Figuren und die Geschichte des Romans, die sich aus ihnen entwickelt.

Die Figuren

Bevor die Geschichte beginnt, und Fanny Price, die Protagonistin auf den Plan tritt, erfahren wir von ihren Verwandten vor allem, wie sie finanziell und gesellschaftlich dastehen. Jane Austen hält sich nicht mit äußerlichen Beschreibungen auf. Ganz allgemein erfahren wir, dass sowohl Fannys Mutter, wie ihre beiden Schwestern recht hübsch gewesen sind. Ihre Tante konnte darus den größten Nutzen daraus ziehen, und machte durch die Vermählung mit Sir Thomas Bertram die beste Partie. Dieser verhalf der zweiten Schwester zur Vermählung mit Pastor Norris, womit sie noch zufrieden sein konnte. Fannys Mutter wurde das schwarze Schaf unter den dreien, die sich mit einer schlechten Partie alle Hoffnung auf ein angenehmes Leben verwirkte.
Die Schwestern haben wenig Kontakt zur jüngeren, unterstützen sie jedoch gelegentlich finanziell. Miss Norris bringt im Gespräch mit Sir und Lady Bertram die Idee auf, die älteste Tochter der missratenen Schwester aufzunehmen, um diese zu entlasten.

Dieses Gespräch bringt dem Leser die drei Protagonisten auf bemerkenswerte Weise näher. Nabokov macht deutlich, dass J. Austen ihre Figuren vor allem durch die direkte und indirekte Rede charkterisiert. Die Dialoge sind ausführlich, machen einen großen Teil des Buches aus, wodurch es sehr lebendig ist. Austen wechselt fast unbemerkt zwischen direkter und indirekter Rede, wobei die charakteristische Sprechweise des Redners immer präsent bleibt.
So erfahren wir im ersten Dialog einiges über die drei Beteiligten:
Miss Norris ist die treibende Kraft dieser mildtätigen Unternehmung, die sie mit viel Energie vorantreibt. Was sie selbst in diese Sache einbringen will, bleibt jedoch ungewiss, da sie sich nicht klar dazu äußert.
Lady Bertram ist gutwillig, macht sich allerdings wenig Gedanken. Sie ist auch nicht besonders motiviert.
Sir Thomas ist sich der Verantwortung bewusst, überdenkt alles gründlich, bevor er eine Zusage macht.

1. direkte Rede

„Lady Bertam stimmte augenblicklich zu. ‚Ich glaube, wir könnten nichts Besseres tun‘,  sagte sie, ‚lassen wir das Kind gleich kommen.‘ (S.4/5)

2. indirekte Rede

Sir Thomas konnte nicht so rasch und vorbehaltlos seine Einwilligung geben. Er zögerte und überlegte. Es sei eine ernste Verantwortung;ein Mädchen, das in seinem Hause aufwüchse, müsste späterhin auch standesgemäß versorgt werden, sonst wäre es keine Wohltat, …

Miss Norris hat hier einen besonders hohen Anteil an der Rede. Sie überredet ihre Schwester und ihren Schwager mit einem Wortschwall, appelliert an ihr Pflichtgefühl und spricht von dem unschätzbaren Wert, den eine solche Wohltätigkeit habe.
Während ihre Rede sprunghaft und gefühlsbetont ist, (man hört, wie aufgeregt sie ist, wieviel ihr an der Sache liegt) sind Sir Thomas Ausführungen klar und unaufgeregt. Spiegeln eine Kette von Gedanken wieder, die er sich macht, bevor er zu einer Entscheidung kommt. Neben den Beweggründen wird also auch viel über das Gemüt der Figuren deutlich.

Als dritte Möglichkeit der Charakterisierung durch die Rede bei Jane Austen, nennt Nabokov das Nachahmen der Sprechweise einer Figur, wenn über sie gesprochen wird.

Der Plot

Von den Figuren geht Nabokov zur Struktur des Romans über. Gemeint ist die Entwicklung des Plots.
Die innere Struktur der Geschichte hängt direkt mit dem Wesen der Figuren zusammen. Ihr Charakter bestimmt ihr Handeln. Durch ihr Agieren, ihre Konflikte und ihr Auftreten bzw, ihre Abwesenheit entwickelt sich die Geschichte. Nabokov erklärt, wie ein Ereignis das nächste nach sich zieht und so die Geschichte vorantreibt. Wie ein Regisseur lässt Jane Austen Figuren auftreten und abgehen, so dass sich immer neue Figurenkonstellationen ergeben, die das Geschehen bestimmen.
Nabokov bleibt in seinen Ausführungen eng am Roman, erzählt in weiten Teilen die Geschichte nach. Seine Ausführungen sind teilweise ermüdend.
Als besonders gelungen bezeichnet er
1. die verwirrte Rede Mr. Rushworths im 6. Kapitel (S.55) als Beispiel einer gelungenen Charkterisierung durch indirekte Rede und
2. die dramtische Szene zwischen Fanny und Sir Thomas im Ostzimmer (Kapitel 32), nachdem Henry Crawford um Fannys Hand angehalten hat.

Stilmittel

Zum Ende seiner Ausführungen nennt Nabokov noch einige wichtige Stilmittel, die typisch für Austen sind.

  • wenig Beschreibung
  • Metaphern sind selten, und wenn sie auftauchen, sind sie wenig originell
  • Figuren werden v.a. durch Dialog und Monolog charakterisiert
  • Partizipien dienen der Beschreibung von Gesten u. Körperhaltungen (lächelnd, unterwürfig) oder Ausdrücke wie: „mit einem schelmischen Lächeln“, die sie parenthetisch einschiebt. Sie klingen wie Regieanweisungen und passen laut Nabokov gut in das Theaterthema, das Austen inhaltlich und strukturell mehrfach aufgreift.
  • Von Nabokov als „Springerzüge“ bezeichnete Wechsel verschiedener Gefühlszustände, die für Fanny kennzeichnend sind. Der Wechsel zw. zwei Extremen wird direkt vollzogen und spiegelt als innerer Monolog ihr Empfinden wider.
  • Als „Grübchen“ bezeichnet Nabokov ironisch gefärbte kleine Äußerungen, die sie in die Erzählung einstreut. So vermeidet sie umständliche Ausführungen oder einen moralisierenden Erzählton. Besonders Miss Norris hat darunter zu leiden. Ihr dürftig verhohlene Scheinheiligkeit ist strukturell wichtig und lockert die Erzählung auf.
  • Jane Austens Stil wird von Nabokov als „sentenziöser Tonfall“ bezeichnet. Er beschreibt ihn als „einen gewissen prägnanten Rhythmus inder geistreichen Formulierung eines leicht paradoxen Gedankens“. (S138/139)
    Nabokov vermutet den Ursprung dieses Schreibstils in der französischen Literatur des 18./19. Jhs. Was er genau meint, hat sich mir nicht erschlossen, obwohl er Beispiele anführt.
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