Spannung: Versuch einer Analyse

Wie angekündigt, bin ich dem Thema Spannung nachgegangen.
Dazu habe ich mir von S. Fitzek den Thriller „Die Therapie“ vorgenommen und versucht, ihn auf Struktur und Elemente zu untersuchen, die Spannung entstehen lassen, verstärken oder aufrechterhalten.

Fitzek hat die Geschichte durch Prolog und Epilog in einen Rahmen gefasst. Im Prolog wird die Vorgeschichte bzw. das auslösende Ereignis aus der Sicht des Protagonisten (Viktor Larenz) geschildert.
In Kapitel 1 greift der Autor weit voraus, laut Untertitel befinden wir uns in der Gegenwart. Viktor befindet sich in einer Psychiatrischen Klinik in Berlin. Von hier aus wird die Geschichte rückschauend erzählt.
Sie beginnt mit Kapitel 2 auf der Insel Parkum, in Viktors Ferienhaus.

Die nötigen Informationen werden schnell erzählt. Die Szenerie in der Klinik deutet auf einen unglücklichen Ausgang hin. Im Verlauf des Buchs ersetzt sie die Funktion eines Erzählers und ermöglicht, Informationen in einen Dialog zu verpacken. (Vermeidet langweilige Info-Passagen).
Im Dialog mit dem Arzt werden auch Vorausdeutungen gemacht, die die Spannung aufrecht erhalten. (Was passiert als nächstes? Wie geht die Sache aus?)

Fitzeks Geschichte hat ein sehr begrenztes Setting. Schnell sitzt er durch ein Unwetter auf der Insel fest. Sie spielt sich fast ausschließlich im Wohnzimmer des Ferienhauses ab und ist der Form nach ein Theaterstück.
In Kapitel 3 tritt die Antagonistin Anna das erste Mal auf. Die Dialoge zwischen Viktor und Anna bilden die Grundsubstanz der Geschichte. Zwischendurch erleben wir Viktor allein im Haus. Einziger Außenkontakt ist sein Privatdetektiv Kai, mit dem er in telefonischem Kontakt steht, bis auch dieser Kontakt abreißt.

Das rein szenische Erzählen gibt ein hohes Tempo vor. Es erweckt den Eindruck, dass ständig etwas Wichtiges passiert.
Anna ist von Anfang an rätselhaft.
Klar ist vor allem Eins: Ihr ist nicht zu trauen. Das Rätsel ihrer Person bleibt bis zum Schluss unklar und ist der Schlüssel zur Lösung.

Durch die häppchenweise Darbietung von Informationen, immer wieder unterbricht Anna die Gespräche und geht, bleiben die wesentlichen Fragen ungeklärt, werden in Gang gehalten:

Was ist mit Josy (Viktors entführte Tochter ) geschehen?
Was für eine Rolle spielt Anna?
Wie wird die Sache ausgehen?

Zwei weitere Faktoren spielen dabei eine wesentliche Rolle, dass dieses Konstrukt funktioniert:
1. Wir erleben die Geschichte aus der Perspektive des Protagonisten, der hier zum potentiellen Opfer aufgebaut wird.
2. Viktor wird immer mehr von der Außenwelt isoliert:
Die Fähre fährt nicht mehr.
Viktors Hund verschwindet.
Die Telefonverbindung bricht ab.
Der Wetterdienst rät den Inselbewohnern im Haus zu bleiben.

Das Unwetter ist ein wesentliches Element, das nicht nur die Isolation herbeiführt, sondern auch ein entsprechendes Szenario ermöglicht: ungewohnte Geräusche im Haus, düsterer Himmel, Blitz und Donner als weitere Gefahren bzw. mögliche Vorboten eines Unglücks. Ausfall des Generators; Viktor sitzt zeitweise im Dunkeln, was ein passendes Bild für seine Situation darstellt.

Entscheidend ist, dass Viktor, und mit ihm der Leser, im Dunkeln tappt. Der Antagonistin ist nicht zu trauen. Ob sie aber psychisch krank, gefährlich oder sogar beides ist, bleibt unklar. Anspielungen, Vorausdeutungen und Täuschungen spielen eine große Rolle. Und bevor der Leser erfährt, was tatsächlich mit Josy passiert ist, lesen sich diese manchmal ganz harmlos. Zum Beispiel, wenn Viktors Frau am Ende des 1. Kapitels und vor  dessen Fahrt auf die Insel in scheinbarer Verzweiflung sagt:

-Es gibt nichts, was du (…) beenden musst, Viktor (…). Gar nichts. Weil unsere Tochter nämlich noch lebt.-          (S. 22)

Kapitel 5 beginnt mit den folgenden Sätzen, die die Frage nach Verlauf und Ausgang der Geschichte erneut aufwerfen und anfachen:

Rückblickend war Viktor sich sicher. Hätte er bei der ersten Begegnung nur etwas aufmerksamer zugehört und die Zeichen richtig gedeutet, dann wäre ihm bereits viel früher die Erkenntnis gekommen, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Aber wahrscheinlich wäre die Katastrophe dann nur viel schneller eingetreten.    (S. 35)

Dieser Auftakt des Kapitels enthält nicht nur die Ankündigung der bevorstehenden Katastrophe. Sie ist raffiniert, weil sie den Leser jetzt endgültig packt. Der Autor kann sich dessen voller Aufmerksamkeit sicher sein, nachdem er ankündigt, dass der folgende Dialog die Lösung schon bereithält. In Kapitel 16 deutet sich im Dialog zwischen Dr. Roth und Viktor die Möglichkeit eines anderen Ausgangs an als das beschriebene Klinik-Szenario. Dr. Roth kündigt an, dass Viktor Besuch bekommt. Und Viktor schlägt seinem Arzt einen Deal an: Seine Geschichte gegen die Freiheit. Der Arzt lehnt ab, aber es steht einmal im Raum.
Die Szenen in der Klinik enden fast immer mit einer Andeutung auf die Inselgeschichte, halten die Flamme der Neugier in Gang.

Er schloss wieder die Augen, und Dr. Roth lehnte sich zurück, um den Rest zu hören. Den Rest der Tragödie.                                                 (Ende 16. Kapitel / S. 87)

In Kapitel 22 spricht Dr. Roth von Viktors Anwälten, die bereits in der Klinik seien, die besten der Stadt. Diese Information weckt Hoffnung auf einen besseren Ausgang als das beschriebene Klinik-Szenario. Das Kapitel endet mit folgendem Dialog:

-Also gingen Sie nicht schlafen?-
-Nein. Noch nicht. Vorher bekam ich noch einen weiteren, völlig unerwarteten Besuch.-                                (S. 112)

Wieder knüpft das nächste Kapitel an dieser Stelle an.
Fitzek verliert keine Zeit, verknüpft die Kapitel miteinander, schlägt den Bogen über das Kapitelende hinaus und hält die Geschichte nicht nur in Gang, sondern auch in hohem Tempo.Kapitel 34, das letzte Klinikkapitel vor Ende der Inselgeschichte, endet mit Viktors Worten:

-Ich musste zusehen, dass ich von der Insel lebend wieder runterkam.-                                                            (S. 154)

Kapitel 35 schließt nahtlos an mit den Worte:

-Hilf mir!-                                                                (S. 155)

Nachdem die Inselgeschichte zu Ende erzählt ist, bleibt das Szenario in der Klinik. Auch hier gibt es einen Ortswechsel zwischen dem Krankenzimmer (Viktor u. Dr. Roth) und dem Hörsaal, in dem der Klinikleiter Viktors Anwälten erläutert, was sich abgespielt hat, und wie die Schuldfrage zu bewerten sei. Die langen Ausführungen bringen Licht ins Dunkel, entwirren die Geschichte und geben Viktor und Dr. Roth Zeit, zur Lösung zu kommen. Dennoch sind sie nach dem schnellen Schlagabtausch etwas ärgerlich. Die Geschichte beruht im Wesentlichen auf der Täuschung des Lesers und erfordert nun eine mühsame Richtigstellung.
Dia Dialogform lockert diese Fülle an Informationen allerdings auf und macht sie leichter verdaulich. Zudem wechselt Fitzek zwischen beiden Schauplätzen, sodass die lange Rede des Professors häppchenweise serviert wird.Bevor es zum Ende der Geschichte kommt, die im Epilog geschildert wird, gibt es wieder eine Ankündigung, dieses Mal von Viktor selbst:

-Hören Sie gut zu, mein Freund. Jetzt sage ich Ihnen etwas, was sie berühmt machen wird.-              (Kapitel 60/S. 245)

Insgesamt kann man sagen, das in dem Thriller nicht alle möglichen Spannungswerkzeuge gnadenvoll eingesetzt werden. Passend zu Thematik und  Erzählstruktur bedient sich Fitzek vor allem der Mittel von Täuschung, Andeutung und der Herstellung eines falschen Scheins.
Die aufwendig konstruierte Geschichte hat aber ihren Preis und bedarf zum Ende einer gründlichen Klarstellung, die nicht ganz glücklich erscheint.

In jedem Fall geglückt ist aber, die Spannung bis zum Schluss aufrecht zu erhalten, weil es eben nur so scheint, als liege die Lösung auf der Hand, wenn man nur aufmerksam liest.

Dieser Text soll keine Rezension darstellen,sondern nur etwas aussagen,über die Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen und in Gang zu halten. Links zum Thema:

https://marcusjohanus.wordpress.com/tag/spannend-schreiben/

http://www.mystorys.de/autoren_hilfe/74-Spannung-gegen-Langeweile.htm

http://www.dieschreibdilettanten.de/tag/spannung-erzeugen/

Advertisements

Ein Gedanke zu “Spannung: Versuch einer Analyse

schreib, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s