Hans-Peter Roentgen: Spannung.

Ich stimme Marc Halupczok im Wesentlichen zu, der das Buch in der Federwelt Nr. 110 (Febr./März 2015, letzte Seite) rezensiert hat:

Ein wirklich hilfreicher Ratgeber, der aber Längen hat, wo keine hingehören. Wer über Spannung schreibt, sollte das spannend machen. Das Buch fällt nach zwei Drittel unglaublich ab. Tipps aus der Checkliste werden im anschließenden Fachwörterbuch, das eine gute Idee ist, teilweise so oft wiederholt, dass man die Lust am Lesen verliert. Und das, nachdem Wiederholungen und langatmige Erläuterungen als Spannungskiller entlarvt wurden. Dem Buch scheint die Überarbeitung zu fehlen. Schade.

Sieht man über die Schwäche des letzten Drittels hinweg, ist es dennoch ein absolut hilfreicher Ratgeber.
Mit dem fertigen Manuskript im Nacken (erster Entwurf), hat es mir zahlreiche Hinweise zur Überarbeitung geliefert. Besonders gut finde ich, dass das Thema nicht genrespezifisch behandelt wird. Denn Spannung ist für jedes Buch wichtig. Interessant sind hier auch die Ausführungen von A. Eschbach (Interview), der die Funktion des Antagonisten aus seinem Klischee des Bösewichts hebt, und andere Spannungstechniken anbietet, die auch in nicht spannungstypischen Genres funktionieren.

Wie also entsteht Spannung?

Grundlagen
Protagonist – Antagonist – Konflikt.
Der Protagonist ist der Held des Romans. Mit ihm fiebert der Leser mit, wenn er glaubwürdig und nachvollziehbar ist, und genug Nähe zum Leser aufgebaut wird. Hierzu gehört eine spannende Erzählweise (Show – don ‚t tell), ein schneller Einstieg in die Geschichte, spannende Dialoge.
Zu viel Erklärung oder Beschreibung, zu lange Vorrede, flache Dialoge sollte man vermeiden. Stattdessen sollte man anschaulich erzählen, alle Sinne ansprechen, den Leser miterleben lassen, was der Held durchleidet. Und er muss ein echtes Problem haben: Nur wenn etwas aufdem Spiel steht, ist die Geschichte interessant. (Was wäre, wenn der Held sein Ziel nicht erreicht?)

Der Antagonist hat ein Ziel, das dem des Protagonisten entgegensteht. Er macht dem Helden das Leben schwer. Er braucht ein gutes Motiv, da er sonst unglaubwürdig ist. Der Antagonist muss dem Helden mindestens ebenbürtig sein, darf aber auch mächtiger sein. Er muss nicht böse sein. Er muss kein Mensch sein.

Beide dürfen nicht klischeehaft sein. Beide haben sympathische und unsympathische Züge, beide haben gute Gründe, ihr Ziel zu verfolgen. Das Ziel muss nachvollziehbar sein und zur Figur passen.

Der Held muss leiden. Ob er sein Ziel tatsächlich erreicht, muss so lange wie möglich unsicher sein. Darum muss er auch Rückschläge erleiden, auch mal eine Schlacht verlieren. Am größten ist die Spannung, wenn die Lage des Helden ausweglos erscheint.

Spannungstechniken
Überraschende Wendungen stellen den Ausgang der Geschichte erneut in Frage. Damit wird dem Leser gezeigt, dass die Geschichte nicht vorhersehbar ist. Wer weiß, welches As der Autor noch im Ärmel hat.
Roentgen empfiehlt, 12 Lösungen für eine Szene zu suchen, statt einer, da einem zuerst immer das Naheliegende einfällt.
Offene Fragen halten den Leser bei der Stange. Jede Szene beantwortet eine Frage, sollte aber gleichzeitig eine neue aufwerfen. Der Leser muss sich immer die Frage stellen: Wie geht es weiter? Darum sollten auch nicht alle Hintergrundinformationen gegeben werden. Wichtig ist immer auch, was nicht gesagt wird.
Direkter Einstieg in die Geschichte bedeutet, mit Handlung oder Dialog zu beginnen, ohne vorher zu erklären, wer da mit wem zusammen trifft. Allerdings soll der Leser spätestens nach dem 3. Absatz eine Groborientierung (wer? wann? Wo?) haben, um nicht die Geduld zu verlieren.

Bloß keine Langeweile
Klischees sind langweilig. Keiner interessiert sich für Figuren, die wir schon hundertmal gesehen haben, für Figuren ohne Tiefe (makelloser Held, abgrundtief böser Widersacher).
Vorhersehbares ist langweilig. Weder der Ausgang der Geschichte, noch der einzelner Szenen darf vorhersehbar sein. Der Held muss hin und wieder scheitern, überraschende Wendungen, Joker (eine Figur, die sich wandelt, z.B. erst Feind, dann Freund, oder umgekehrt), andere Figuren oder Umstände, die den Ausgang der Szene beeinflussen sind unverzichtbar.
Und: Nicht den Ausgang der Geschichte/ Szene vorzeitig verraten.
Lange Beschreibungen halten die Geschichte auf. Keine allgemeinen Statements abgeben, sondern durch Handeln und Dialoge den Leser miterleben lassen (Angst, Wut, usw.) Wiederholungen unterfordern den Leser.
Infodump, zu lange Sätze, Szenen und Dialoge lenken von der Geschichte ab.
Die Interviews von Andreas Eschbach und Nina George finde ich besonders aufschlussreich. Sie haben gute Tipps, mit dem Thema Spannung umzugehen. Nina George rät z. B. dazu, den eigenen Text nicht zu oft zu lesen. Immer wieder sollte man ihn liegen lassen: Vor der Überarbeitung 4 Wochen, und nach einzelnen Überarbeitungsschritten einige Tage.

Wer im Hinblick auf das Thema Spannung noch unsicher ist, dem würde ich das Buch unbedingt empfehlen. Außerdem sind die Hinweise von Andreas Eschbach hilfreich. Das Interview mit ihm kann man HIER ebenfalls lesen.

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3 Gedanken zu “Hans-Peter Roentgen: Spannung.

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