Lajos Egri: Literarisches Schreiben

Wie die Bücher von J.N. Frey zählen Egris Ratgeber zu den Klassikern der Sparte. Egri ist gebürtiger Ungar und damit dem europäischen Leser vielleicht näher als sein amerikanischer Kollege. Allerdings ist er emigriert, hat in den USA geschrieben und später dort die „School of Writing“ gegründet.
Egri schrieb fürs Theater. Es ging ihm zuerst um das Schreiben von Stücken. 1946 erschien sein erstes Buch zum Thema Schreiben: „Dramatisches Schreiben“ („The Art of Dramatic Writing“). Die deutsche Übersetzung kam erst 2003 auf den Markt. Das Nachfolgewerk „Literarisches Schreiben“ erschien in den USA 20 Jahre später, in deutscher Übersetzung  erstmals 2002. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass beide Bücher im Zusammenhang zu sehen sind.

 
Egris Ansatz ist die Figurenentwicklung
. Die zentrale Aussage lautet:

„Jedes literarische Werk steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit seiner Figuren.“ (Seite 9)

Über sein erstes Schreibbuch ist Einiges gesagt worden, aus dem sich schließen lässt, dass er diese Grundannahme dort einigermaßen systematisch herleitet und begründet. Leider ist das im vorliegenden zweiten Buch über das Literarische Schreiben nicht der Fall. Entgegen dem Eindruck, das das Inhaltsverzeichnis vermittelt, fehlt dem Buch eine Struktur, anhand derer verschiedene Aspekte des Schreibens erörtert werden. Letztendlich dreht es sich immer und ausschließlich um die Figuren. Das ist die zentrale Idee: Schaffe gute, glaubwürdige und dreidimensionale Figuren, dann entwickelt sich die Geschichte ganz von allein.

Bei Egris Herangehensweise scheint die Rechnung tatsächlich aufzugehen.
Egri polarisiert. Unter dem Etikett „Orchestrierung“ entwickelt er Held und Antagonist als  Gegensatzpaar, das in gegenseitiger Abhängigkeit steht. Beide haben ein dominantes Charaktermerkmal, das dem des Gegenüber diametral entgegengesetzt ist:
Der Geizhals trifft auf die Verschwenderische,
der Pedant auf die Chaotin,
der Fürsorgliche auf die Egoistin.
Der Protagonist ist derjenige, der die Handlung in Gang setzt, indem er sein Ziel hartnäckig verfolgt. Unbeugsam kämpft er sich durch den Konflikt, bis es zur finalen Lösung kommt.
Held und Antagonist befinden sich in einem ständigen Zweikampf, von weiteren Hauptfiguren, was der Begriff der Orchestrierung  impliziert, ist keine Rede. Und: Meist geht es um Mann und Frau. Immer geht es um die ganz großen Gefühle, um die großen Fragen im Leben (Liebe-Hass, Erfolg-Scheitern, Leben-Tod).

Der Konflikt dreht sich immer um ein und dieselbe Frage, er steigert sich langsam von einer Krise zur nächsten und wird auf dem Höhepunkt im Showdown aufgelöst. Ob zum Guten oder Schlechten, bleibt – immerhin – dem Autor überlassen. In jedem Fall geht es um Alles oder Nichts.
Alles sehr, tja, dramatisch würde ich sagen. Irgendwie scheint er von der Bühne auch in diesem Buch nicht wirklich herunter zu kommen.

Aber eigentlich geht es ja darum, gute und glaubwürdige Figuren zu schaffen. Egri produziert zahlreiche Beispiele, wie man eine Figur entwickeln könnte, die durch Veranlagung und Sozialisation zu einem verbissenen Kämpfer wird, weil sie sich trotz erlittener Enttäuschungen versucht, im Leben zu behaupten.
Die Psychologie der Figuren mag zu Egris Zeit eine neuartige und überraschende Vorgehensweise sein. Heute überrascht es eigentlich niemanden mehr, dass Erbanlagen und soziales Umfeld einen Menschen prägen, und schon in der Kindheit die wichtigsten Überlebensstrategien entwickelt werden. Diese Handlungsschemata werden später größtenteils beibehalten. Die meisten Handlungen sind emotional motiviert. Das Streben nach Sicherheit, Liebe und gesellschaftlichem Erfolg sind die Hauptantriebe. Selbst die pathologische Entwicklung bei traumatisierter Kindheit hat sich in ihren Grundzügen durch Thriller und Krimi zum Allgemeinwissen hochgearbeitet.

Die späte Übersetzung scheint das Buch zu schmälern. Was vor 50 Jahren verblüffend neu war, lockt heute nur noch wenige hinterm Ofen hervor. Manche meinen sogar, dass derzeit der Story wieder der Vorrang eingeräumt wird. Das scheint mir aber zu pauschal, für das Krimi-Thriller-Genre trifft das sicherlich zu.
Dennoch: Wer Anregung für die Figurenzeichnung braucht, bekommt hier eine Menge geliefert.

Ein weiterer Aspekt bezieht sich auf die nachfolgende Literatur zum Kreativen Schreiben. Durch die späte Übersetzung des Buchs sind zahlreiche Ratgeber auf dem Markt, die sich auf Egri beziehen, seinen Ansatz aufgegriffen haben.
Was bei Frey* „Prämisse“ heißt, nennt Egri These. Seine Begriffsklärung finde ich recht gelungen, während Frey da eher Verwirrung stiftet.
Bei Egri heißt es:

 

Die These (…) fasst die Story …, in einem kurzen Satz zusammen (…) Vielleicht haben Sie etwas …, das Sie auf eine gute Idee für eine Geschichte gebracht hat. Dann sollten Sie genau wissen, was Sie wirklich ausdrücken wollen, warum Sie es sagen wollen und wie weit Sie Ihren Gedanken führen wollen. (…)

„Ehrlich währt am längsten“ ist zum Beispiel als These weniger gut geeignet. Wir sehen eine ehrliche Figur, aber wo ist der Konflikt? (…) Lautet die These hingegen: „Ehrlichkeit siegt über Falschheit“, wissen wir sofort, dass unser ehrlicher Mensch in einen Konflikt geraten wird. (…)

Kurz, der erste Teil einer These sollte eine Aussage über die Figuren enthalten …, der zweite Teil sollte auf den Konflikt hinweisen …, und gleichzeitig die Auflösung beinhalten …

(Seite 187/188)

 

Die Verstrickung von Held und Antagonist ist aber bei Frey wesentlich anschaulicher. Er erklärt, wie beide aneinander gekettet sein müssen. Beide brauchen ein überzeugendes Motiv, um sich auf den Konflikt überhaupt einzulassen, anstatt diesem zu entfliehen.
Im letzten Kapitel fasst Egri die wichtigsten Aspekte des Schreibens zusammen. Diesem entstammen auch die o.g. Ausführungen zur These. Dieses Kapitel als Grundstruktur des Buches hätte ich mir eher gewünscht. Aber in den 40er Jahren muss er wohl durch die Figurenpsychologie überrascht haben.

Fazit:
Eher ein Buch zum Lesen, als Anregung, zur Ideenfindung. Insgesamt scheint mir der Bezug zur Prosa allerdings zu schwach, eine systematische Aufarbeitung des Themas fehlt, und leider spürt man die 50 Jahre, die seit dem ersten Erscheinen des Buchs vergangen sind, nur zu deutlich.

*(„Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ – siehe: Bücherliste Schreiben.)

 

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5 Gedanken zu “Lajos Egri: Literarisches Schreiben

  1. Ich habe „Literarisches Schreiben“ auch rein als Buch für die Figurenentwicklung verstanden. Daraus folgend sagt er, dass bereits in den Anlagen der Figur die Story dazu finden kann. Das fand ich interessant.

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