Fritz Gesing: Kreatives Schreiben für Fortgeschrittene …

…ist ein ungewöhnliches Buch über das Schreiben, und das in mehrfacher Hinsicht.

  1. ist es ein eher theoretisches Buch. Den praktischen Ratgeber hat Gesing schon 1993 auf den Markt gebracht.
    Hier setzt Gesing sich zunächst mit der Einteilung der Literatur in U- und E-Literatur auseinander. Natürlich gibt es Gratwanderungen und Überschneidungen. Daher bietet er eine feinere Klassifizierung an:- Heftchen-Literatur

– Trivialroman
– gehobene Unterhaltungsliteratur / Genre
– Mainstream- / E-Literatur
– experimentelle Literatur
Die Frage nach der Zuordnung ist eigentlich die Frage nach der Zielgruppe oder, wie Gesing formuliert, nach den „Bedürfnissen der Leser“.

  1. nimmt es einen außergewöhnlichen Blickwinkel ein – den des Lesers.
    Gesing unterscheidet verschiedene Lesergruppen:

– der professionelle Leser (Kritiker, Lektoren, Autoren, Blogger, Buchhändler)
– der Bildungsleser
– der Normal- / Freizeitleser
– der naive Leser
Gesing stellt kurz und prägnant die Interessen der versch. Leser dar. Alle Grenzen und Gruppierungen sind nicht zu eng zu sehen. Interessant ist dieser Perspektivenwechsel durchaus. Gesing geht allerdings nicht ins Detail. Auch die Gender-Frage und die junge Literatur spricht er nur an. Er gibt zahlreiche Denkanstöße, die den Blick wieder auf „weit“ stellen. Weiterführende Literatur nennt er im Anhang.

  1. bezieht es sich ganz konkret auf einige aktuelle Romane

– Sven Regner: Herr Lehmann
– Nick Hornby: About a Boy
– Dan Brown: Sakrileg
Dass Gesing sich auf aktuelle Literatur bezieht, war ein klares Kaufargument. Das bekommt man ja nicht so oft geboten. Außer den o.g. Büchern bezieht er sich auf weitere Beispiele („Harry Potter“, „Der Alchimist“, „Der Name der Rose“, u.a.). Das Hauptaugenmerk legt er aber auf Browns „Sakrileg“, an dem er zeigt, wie Spannungselemente, ein guter Einstieg, Figurenkonstellationen usw. gelingen. Durch die Beispielliteratur werden Gesings Ausführungen besonders deutlich. Und doch: Mir persönlich wurde es schon zu viel. „Das Sakrileg“ werde ich bestimmt nicht mehr lesen. (Keine Sorge, man muss es nicht gelesen haben, um seinen Argumenten folgen zu können.)

  1. besonders interessant finde ich das Kapitel über den Film. Gesing stellt überzeugend dar, wie der Film Einfluss auf unsere Vorstellungen von Geschichten nimmt. Die meisten Geschichten erzählt immer noch der Film. Mit seinen Bildern prägt er die Wahrnehmung und sogar das Abspeichern eigener Erinnerungen.
    Gesing zeigt, welche Auswirkungen das auf das Schreiben hat bzw. haben kann.

  2. widmet Gesing die zweite Hälfte des Buchs den konkreten Aspekten des Schreibens. Hier geht er über die Grundlagen hinaus, die Thema des ersten Buchs sind. Er erklärt, wie der Leser zum Weiterlesen verführt werden kann, wie man seine Symphatie lenken, Spannung erzeugen kann. Er erklärt den Unterschied zwischen interessanten Themen und einer spannenden Darstellung, geht auf die Erzählperspektive und ihre Bedeutung ein.
    Hierbei unterscheidet er zwischen handlungs- und charakterbetonten Roman. Auch diese Unterscheidung führt zu interessanten Überlegungen.

Das Buch bietet viele Anregungen, neu über das Schreiben nachzudenken. Es schafft Abstand zwischen Autor und Buch, lässt den Blick über den Tellerrand schweifen und gibt Denkanstöße. Der Effekt des Buchs stellt sich nicht direkt ein. Es wirkt dafür länger nach. Vieles lässt sich bei Bedarf noch einmal nachlesen.

Abgesehen von den überlangen Ausführungen zum „Sakrileg“, finde ich es sehr gelungen.

 

 

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3 Gedanken zu “Fritz Gesing: Kreatives Schreiben für Fortgeschrittene …

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