John Green: Margos Spuren

Eine klassische Suchergeschichte, bei der die Gesuchte Margo nur scheinbar  im Vordergrund steht, auch wenn Quentins Gedanken ausschließlich um sie kreisen. Letztendlich geht es um den Suchenden selbst, der sich durch die Suche verändert.

„This plot is about the character who makes the search, not about the object of the search itself.“                     (R. B. Tobias. 20 Materplots. S. 2)

Die Tatsache, dass Quentin die Suche so wichtig nimmt, obwohl er doch eigentlich Anderes zu tun hätte, ist schon die erste Veränderung. Dass er, dem die Schule immer wichtig war, und der nie das Abenteuer gesucht hat, sich tatsächlich auf den Weg macht, und alles andere liegen lässt, braucht ein starkes Motiv.

Ausschlaggebend ist die Nacht, die Margos Verschwinden vorausgeht. Hier schlägt der Autor den narrativen Haken. Er fängt nicht nur Quentin, sondern auch den Leser mit dieser Tour durch Orlando, die Margos Abrechnung mit ihrem altem Leben ist. Und danach verschwindet sie, leider. Der Zeitpunkt ist für Quentin total falsch. Jetzt, nachdem sie ihn endlich wieder zu einem Teil ihres Lebens gemacht hat, zu ihrem Komplizen, ausgerechnet ihn, den braven Quentin. Und er hat sich angestrengt, um ihr ein würdiger Komplize zu sein. Es war eine berauschende Nacht. Sollte das schon alles sein?

Plotpunkt Nr. 1: Margo verschwindet und hinterlässt eine Leere. Anfangs dreht sich alles um sie und ihr plötzliches Verschwinden. Bald dreht sich alles darum, was sie zurückgelassen hat: Die Spuren der Verwüstung, durch die sie mit ihren Freundinnen und ihrem Exfreund abgerechnet hat. Margos Eltern reden verbittert von früheren Fluchten und den Spuren, die Margo gelegt hat, Spuren, die niemand entziffern konnte. Als Quentin bald darauf erste Spuren findet, steht sein Entschluss fest: Er muss sie finden.

Gilgamesch wird von Enkidu begleitet, Odysseus von seinen Gefährten, Jason von den Argonauten. Don Quichote ist mit Sancho Pansa unterwegs, …                                      (F. Gesing. Kreativ Schreiben. S. 233)

… und Quentin mit seinen Freunden Ben und Radar. Später schließt sich noch Lacey an, Margos Freundin, die seit dem Schulball mit Ben zusammen ist. Dennoch bleibt es Quentins Suche. Er ist es, der versucht, die Zeichen  zu deuten, unterstützt vom Superhirn Radar, der ihm gelegentlich auf die Sprünge hilft.
Die Gefährten helfen ihm, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Aber nicht immer ist es so. Manchmal möchten sie Margo einfach nur vergessen, die sich nach wie vor in ihr Leben drängt. Aber Quentin bleibt eisern. Nichts kann ihn davon abhalten, sie zu finden. Und weil sie Freunde sind, lassen sie ihn nicht im Stich.

Unter den Spuren, die Margo legt, bevor sie aufbricht, ist ein Gedicht von Walt Whitman, in dem sie Passagen unterstrichen hat. Und damit gelingt John Green ein Glanzstück. Das „Lied auf mich selbst“ wird zum Schlüssel für die weitere Geschichte, weil es …
1. … Hinweise auf Margo enthält, die Quentin bei der Suche helfen, und damit die Handlung voranbringt.
2. … Quentin dazu bringt, nicht nur über Margo, sondern auch über sich selbst und das Leben an sich nachzudenken. So wird es Ausgangspunkt seiner inneren Entwicklung.
3. … als literarischer Verweis zentrales Element des Adoleszenzromans ist.
4. … Whitman zum Mentor der Geschichte werden lässt, der Quentin hilft, zu verstehen, wie Margo wirklich war.

In diesem Sinne könnte man hinter „Margos Spuren“ auch eine Heldenreise sehen. Detective Warren gibt einen guten Torwächter, der zwar Verständnis für Quentins Sorge hat, ihm die Suche aber doch ausreden will.

Wie gesagt, am Ende geht es nicht so sehr um Margo, sondern um Quentin. Zugegeben: Das Ende schmeckt ein bisschen schal, aber es bleibt das einzig richtige Ende. Tatsächlich passt es in die Zeit nach dem Schulabschluss, die immer ein Abschiednehmen ist.
Bevor das Neue beginnt.

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