Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene

Eine Erzählung, die mit ihren 170 kleinformatigen Seiten beinahe den Rahmen sprengt. Doch bleibt es ein Gewinn,  sie in einem Stück zu lesen.

Treichel erzählt die Geschichte vom Bruder, der im Krieg verloren ging. Beide, sowohl der Krieg, als auch der verlorene ältere Bruder werfen ihren Schatten auf das Leben des Jüngeren. Und während er, der Krieg, den älteren Bruder mit den Eltern verbindet, bleibt der jüngere ausgeschlossen.
Treichel bringt die Geschichte auf ihre äußerste Spitze. Die Sache wird erst komisch, bei all ihrer Tragik, und führt zuletzt – konsequent fortgeführt – ins Skurrile.

Anfangs bleibt dem Leser manches Lachen noch im Hals stecken, später versiegt es ganz, je mehr die Eltern – und mit ihr die Geschichte selbst – ins Zwanghafte gleiten. Schon früh zeigt sich, wie der jüngere, lebende Sohn immer mehr hinter dem gewaltigen Hirngespinst verblasst, zu dem der verloren Sohn nach und nach wird. Während die Eltern mehr und mehr in der Vergangenheit leben, werden sie dem Jüngeren immer fremder.

Fast ein bisschen unheimlich, wie der Krieg und der Verlust, den er mit sich brachte, das Leben der Familie bestimmt. Insofern hat die Erzählung einen festen Platz in der Gesellschaft des späten 20. Jahrhunderts, in der das Märchen von der guten alten Zeit auf  spezifisch-absurde Weise überall erzählt wurde. Eindrucksvoll zeigt sie die Folgen des Nicht-loslassen-Könnens durch die Steigerung ins Absurde.
Ein Stück Literatur, das stets wahr bleibt.

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2 Gedanken zu “Hans-Ulrich Treichel: Der Verlorene

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