Mikael Engström: Ihr kriegt mich nicht!

Der Titel im Zusammenspiel mit dem Coverfoto scheint auf eine Abenteuergeschichte hinzudeuten. Das wäre allerdings ein Trugschluss.

Mik, der Junge, von dem die Geschichte erzählt, hat alles andere, als Abenteuer im Sinn. Im Grunde sucht er nur eins: ein ganz normales Leben. Das ist aber nicht zu machen, mit einem Vater, der meist betrunken ist, und einem älteren Bruder, dessen Fürsorge im Wesentlichen darin besteht, den Jüngeren auf die Härten des Lebens vorzubereiten.

Miks Bruder Tony ist auf dabei, den kriminellen Weg einzuschlagen. Der verschafft ihm wenigstens kleine Erfolge und füllt die Leere. Auch die Kumpel haben wenig zu verlieren. Für Mik spitzt sich die Lage dramatisch zu, als das Jugendamt eingreift, den Vater in eine Entzugsklinik steckt. Sein Bruder hat rechtzeitig das Weite gesucht.

Mik hat zunächst Glück. Er landet bei seiner Tante Lena, einer Schwester des Vaters. Sie spricht von ihrer eigenen Kindheit mit einem alkoholabhängigen Vater. Mik begreift immer weniger, warum sein Vater kein anderes Leben gewählt hat.Doch bei Lena, die hoch im Norden in einem winzigen Ort lebt, lernt er ein anderes Leben kennen. Er schließt Freundschaften in der Schule und zu dem verdrehten Alten, der in der Nachbarschaft wohnt. Lena versorgt einige ältere Dorfbewohner und spannt Mik mit ein. Ansonsten lässt sie ihm viele Freiheiten.

Das  Buch problematisiert wenig, zeigt aber sehr anschaulich, wie sich der Junge fühlt, der immer mehr der Willkür der Behörden ausgesetzt wird.
Lena, die selbst Schwierigkeiten hatte, ihren Weg zu finden, wird als nicht geeignet eingestuft. Der Junge muss in eine Pflegefamilie, die alles andere als geeignet ist. Sie ist nur auf den eigenen Vorteil aus, missbraucht ihn als billige Arbeitskraft.

Die Pflegefamilie ist die Hölle. Sie zeigt die Willkür der Entscheidungen von Behörden, die nach dem äußeren Anschein urteilen, Fakten sammeln, aber keine Gespräche führen. Über den Kopf des Jungen hinweg wird entschieden.  Als die Lage unerträglich wird, flieht Mik zu Lena. Er weiß, dass er hier nicht sicher ist.

In der abgeschiedenen Welt lernt er viel über die Natur, wird stärker und zäher, lernt schwimmen. Vor allem aber begreift er, dass das Leben dort ihm gut tut.

Engström hat zwei Erzählweisen. Wenn er das Innenleben des Jungen schildert, wird seine Sprache bildhaft. Diese Innenwelt wimmelt von Fabelwesen und Monstern, die genauso zu Miks Wirklichkeit gehören, wie die äußere sichtbare Welt.
Der Vater hat viele Gesichter. Was für Außenstehende unbegreiflich und abstoßend bleibt, ist Miks Realität. Und so wird sie von ihm erlebt: als normal. Nicht gut, aber normal.
Engström findet starke Bilder, um das Unfassbare greifbar, erzählbar zu machen. Ich habe den Eindruck, dass die Übersetzung gelungen ist: eine flüssige, klare Sprache, die alles sagt. Sie verzichtet auf Erklärungen und bleibt immer auf der Ebene des Erlebens, was die Geschichte zu einem wirklich guten Stück Jugendliteraur macht. Sehr spannend und bewegend.

Nur beim Titel hätte ich mir mehr Nähe zum Original gewünscht. Die Schwedische Ausgabe (2007) erschien als „Isdraken“ (Eisdrachen), was den Kern der Geschichte besser trifft, als der deutsche Titel.

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