Klischees vermeiden

Angeregt durch eine Folge der Schreibdilettanten, habe ich mir Gedanken über ein Thema gemacht, das ich gar nicht auf dem Zettel hatte: Klischees beim Schreiben.
Wie Markus betont, kann man den Begriff auf viele Aspekte des Schreibens anwenden: Sprache, Plot, Spannungstechniken etc. Einfacher ist es, erst einmal bei den Figuren zu bleiben. Hier haben wir doch schon eine recht konkrete Vorstellung, wann wir es mit Klischees zu tun haben.
Oder?

Bei Wikipedia heißt es, ein Klischee sei

… eine ehemals innovative Vorstellung, Redensart, Kunstwerk oder Stilmittel, die mittlerweile veraltet, abgenutzt oder überbeansprucht erscheint.

 

Wichtig scheint mir der Hinweis, dass es sich nicht um ein Vorurteil, um ein schlechtes oder falsches Darstellungsmittel handelt. Das einzige, was ein Klischee abwertet, ist die Tatsache, dass es  überbeansprucht ist. Das bedeutet, es wurde uns schon tausend Mal präsentiert.
Darum lockt es auch keine Reaktionen hervor. Klischees werden als lahm, uninteressant oder auch als lästig empfunden: Ach, jetzt kommt das wieder!

Im besten Fall wird ein solches Klischee einfach überlesen, schlimmstenfalls fühlt sich der Leser gelangweilt. Er erwartet nichts Neues mehr und klappt enttäuscht das Buch zu..

Auf Wikipedia wird klargestellt, dass es sich um eine ehemals innovative Vorstellung handelt. Und damit sind wir beim Kern des Problems:

Wann wird eine gängige Vorstellung zum Klischee?
Die Frage ist vielleicht gar nicht oder nur mit hohem statistischen Aufwand zu beantworten. Das heißt, jeder muss für sich selbst prüfen, ob er/sie es mit einem Klischee zu tun hat oder nicht.

Wie Axel (siehe Schreibdilettanten) vorschlägt, können hier Testleser entscheidende HInweise geben. Denn: Was nützt es mir, wenn ich eine Figur nicht für klischeehaft halte, meine Leser aber schon?

Möglichkeiten, Figuren auf ihre Nähe zum Klischee zu prüfen:

1. Steckbrief
Verfasse eine Steckbrief für die Figur. Hierbei kommt es darauf an, ihre wichtigsten Merkmale und ihre Rolle in der Geschichte auf den Punkt zu bringen.
Anhand dieser Liste von Eigenschaften wird vielleicht schon klarer, wie sehr die Gefahr des Klischees besteht.
Wer sich nicht sicher ist, kann die Figur jemandem anhand dieser Liste beschreiben, um eine zweite Meinung zu bekommen.

2. Perspektive wechseln
Gerade in Bezug auf die Nebenfiguren ist es immer gut, sich in ihre Lage zu versetzen. Schon bei den Konflikten und Dialogen ist es wichtig, dass man ihre Sicht, ihre Motive und Ziele berücksichtigt. Man darf hier nicht an der/den Hauptfigur/en kleben bleiben.
Handelt es sich bei meiner Figur z. Bsp. um einen Lehrer, kann ich mich fragen, wie sich ein Leser, der auch Lehrer ist, mit dieser Figur fühlt. Im besten Fall identifiziert er sich mit meiner Hauptfigur. Aber aufgrund der Gemeinsamkeiten wird es sich diese Nebenfigur auch genauer anschauen, als andere Leser. Optimal wäre es, einen Lehrer zu fragen, wie er die Figur findet.
(Auch bei Figuren des anderen Geschlechts kann eine Realitätsprüfung nicht schaden.)

3. Klischees studieren
Häufig werden Heftromane zur Klischeestudie angegeben. Ich würde mir das nicht antun. Ich halte es auch nicht für nötig, da diese so offensichtlich mit Klischees arbeiten, dass jedem klar ist: Hier handelt es sich um ein Klischee.
Schnell erfassen kann man Klischees auch in Serien und Fernsehproduktionen. Es empfiehlt sich, auch gezielt im eigenen Genre zu gucken. Wenn wir unseren Focus auf die Nebenfiguren legen, bekommen wir neben den uralten Klischees

*Kommissar = einsamer Wolf
*Täter mit traumatischer Kindheit
*überforderte Alleinerziehende
*skrupellose Banker

konfrontiert, sondern bekommen auch noch die Randgruppen-Klischees:

*der schwuler Friseur (bester Freund)
*alte Damen sind immer kinderlieb (und/oder neugierig)
*Mütter geben am Telefon stundenlang ungefragte Ratschläge und         wollen v.a. endlich Oma werden
*Zwillinge sind immer beste Freunde
*Schwangere müssen sich ständig übergeben
*Menschen mit afrikanischen Wurzeln sind sportlich, musikalisch und sowieso viel lockerer als Europäer

Engländer sind verklemmt, Finnen versoffen, Italiener können nicht ohne ihre Mama leben, Polen klauen Autos, Russen machen dubiose Geschäfte, …
Das TV zeigt uns hölzerne Studienräte, emotionslose Beamte, dumme Kosmetikerinnen, pingelige Kleingärtner, dicke Bäckerinnen, verlotterte Privatdetektive, narzistische Künstler, Männer in der Midlifecrisis, Frauen auf dem Selbsterfahrungstrip, Schriftsteller mit Schreibblockade.
Es steckt voller Klischees. Hat man einmal genauer hingesehen, scheint es kein Ende mehr zu geben. Was also tun?

Hinschauen und mitschreiben!

Erkennt man die Nähe einer eigenen Figur zum Klischee, kann es ausreichen, das Hauptmerkmal, zu verändern.
Man kann aber auch damit spielen, indem man sich bewusst vom Klischee entfernt oder es umkehrt:

Der Afrikaner leidet unter dem Vorurteil, musikalisch sein zu müssen, obwohl er keinen Ton richtig trifft. Auch Figuren sind nur Menschen und dürfen Vorurteile haben.

Der Automechaniker, der lieber Wein trinkt, als Bier, wird von seinen Kollegen belächelt.

Die Schauspielerin, die sich nicht liften lässt, muss mit immer weniger Engagements leben. Zwillinge, die sich bekriegen, können sich das Leben richtig zur Hölle machen.

Wer weiß, vielleicht stecken hier die wirklich wahren Geschichten. Für eine Nebenrolle reicht das Potenzial auf jeden Fall.

 

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