Tag & Nacht

Wenn meine Lektüre zum Einschlafen nicht zufriedenstellend ist, fängt mein Kopf hinterher an, selber Geschichten zu spinnen. Es war schon spät, als ich gestern das Buch zuklappte, und ich war müde. Aber der Kopf war nicht zufrieden. Er musste unbedingt noch ein bisschen herumspinnen. Seit einigen Wochen spukt ein Protagonist durch meine Fantasie, der gute Chancen auf eine Hauptrolle hat. Und in der Nacht fiel mir ein, wie ich mit seiner Geschichte anfangen könnte.

Ich versuchte, den Helden in den Schlaf zu lullen, um selbst welchen zu bekommen, doch nicht einmal dem Himmel war daran gelegen, dass es eine ruhige Nacht würde. Der Wind blies in Böen am Dach entlang und zerrte immer stärker an den Vorhängen. Er riss sie hinaus und spielte damit, bis ich aufstand und sie zurückholte. Ich schloss die Fenster und wusste doch, dass ich ohne frischen Wind keinen Schlaf bekam.

Jetzt waren die Störenfriede schon zu zweit, denn auch mein Held gab keine Ruhe, er nörgelte und drängte, weil er seiner Freundin dringend etwas mitteilen wollte. Es handelte sich um eine Botschaft, die sein Leben verändern sollte. Natürlich, es ging schließlich um den ersten Plotpoint, den Beginn seiner Geschichte.

Ich sah aus dem Fenster. Wetterleuchten erhellten die Nachbarschaft und den Teil meines Gartens, den ich von hier oben sehen konnte mit einem unwirklichen Licht, wie es gerne in TV-Krimis verwendet wird. Wie bei einer kaputten Neonröhre blitzte die Szenerie kurz vor meinen Augen auf und verschwand wieder im Dunkel der Nacht. In der Ferne grummelte ein Gewitter. „Scheint wieder vorbeizuziehen“, dachte ich und sah die leere Regentonne vor mir. „Regen wäre gut gewesen.“

Ich ging die Treppe hinunter, um etwas zu schreiben. Auf dem PVC in der Küche lag die Katze, eingerollt vor dem Kühlschrank. Sie maunzte, als ich kam. Ich nahm sie mit aufs Sofa, nahm das Netbook auf den Schoß und begann zu schreiben: „POLOG“. Kein Mensch schreibt heute noch einen Prolog, und wenn, dann nur in Fantasy- oder Science-Fiction-Romanen. Mir war das egal. Es handelte sich ja nicht um den ersten Entwurf, sondern eher um Vorarbeiten. Und da sollte doch alles erlaubt sein. Nach einer Dreiviertelseite kehrt Ruhe in den Kopf ein.

Das Gewitter rückte näher. Aus dem Leuchten wurden Blitze, die wie helle Risse sekundenlang am Himmel standen. Danach krachte es. Die Abstände wurden kürzer. Die Katze wurde nervös, war nicht mehr zu halten, und schlich davon. Plötzlich schepperte es ganz in der Nähe. Es hörte sich an, als hätte der Blitz eingeschlagen. Ich ging zum Fenster, sah in den Garten. Ging nach vorn. Auch auf der Straßenseite war nichts zu sehen. Alle Fenster waren noch ganz. Das Auto auch. Autos werden ja nicht getroffen, oder? Das Unwetter zog weiter und ließ mir noch ein paar ruhige Stunden zurück. Vorsichtshalber schaltete ich den Wecker aus.

Ich wachte später auf, als sonst und war trotzdem müde. Auch bei Tageslicht war kein Schaden zu entdecken. In der Straße war es ruhig. Nur an der Ecke sprachen  zwei Frauen über das Unwetter. „Hab’n Sie das auch gehört?“ Die Katze stand vorm Kühlschrank und klagte über das späte Frühstück. Als wäre die Nacht nicht schlimm genug gewesen! Die Regentonne war fast voll. Die Luft hat etwas abgekühlt. Es war ein blasser Morgen, nüchtern und unaufdringlich: Perfekt zum Schreiben.

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7 Gedanken zu “Tag & Nacht

  1. Faszinierend, deine Erfahrungen zu lesen!
    Es würde mich interessieren : Haben dich solche „eruptiven Protagonisten“ schon mal bis in deine Träume verfolgt?
    Übrigens liebe ich Gewitter. Vor allem an der See. Da verdoppelt sich die Naturgewalt scheinbar.
    Schöne Grüße
    Katharina

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