Kurzgeschichte im August (1188 Wörter)

Das Bügelzimmer

Sie saß am Küchentisch und trank ein Glas Wasser. Es war ein schwüler Tag – selbst beim Aufräumen der Küche hatte sie geschwitzt. Sie sah sich um und konnte nichts finden, das noch getan werden musste. Die Arbeitsfläche, der Kühlschrank, Fenster und Boden blitzten sauber. In den anderen Zimmern sah es genauso aus. Seit einer Woche hatte sie Urlaub. Andere atmeten erleichtert auf. Für sie war es eine Zwangspause. Gerade jetzt hätte sie lieber gearbeitet. Sie seufzte und dachte an den Galeristen, der ihre Ausstellung um drei Wochen verlängert hatte, weil sie nicht wusste, wohin mit den Bildern. Das Schlafzimmer war schon voller Kartons.

Sie trank den letzten Schluck und stellte das Glas auf den Tisch. Schnell stand sie auf, bevor sie es sich wieder anders überlegte. Sie stieg die Treppe hinauf, hielt sich dabei am Geländer fest, das aus Holz war. Es fühlte sich etwas klebrig an. Sie hatte es selten benutzt. Sie sollte es putzten, dachte sie und blieb stehen. Nicht jetzt. Sie zwang sich weiter hinaufzugehen. Dann stand sie vor der Tür. Federleicht legte sich ihre Hand auf die Klinke. Es fühlte sich falsch an, nicht anzuklopfen. Aber niemand war da, der „ja“ hätte sagen können. Keiner, der die Musik leiser drehen würde, wenn sie hereinkam. Niemand, der sein Buch weglegen und sich im Schreibtischstuhl umdrehen würde, um sie fragend anzuschauen.

Vorsichtig ging sie ins Zimmer. Sie sah sich um. Hinter dem Schrank stand das Bügelbrett halb versteckt, als weigere es sich, seinen Namen für dieses Zimmer herzugeben. Sie wussten beide, dass es das nicht war: Bügelzimmer.

Es war ein Versuch gewesen, ein Selbstversuch. Probeweise hatte sie das Zimmer so genannt, eigentlich nur für sich. Ein einziges Mal hatte sie den Begriff einer Nachbarin gegenüber erwähnt, die gefragt hatte, was denn aus dem Zimmer geworden sei. Sie hatte sich selber übers Ohr gehauen, war davon gelaufen vor dem, was war. Jetzt ging das nicht mehr.

Sie machte zwei Schritte und setzte sich auf das Bett, das immer noch mit seiner Fan-Bettwäsche bezogen war. Ihre Hand strich über das Vereinsemblem. Sie lächelte. Schöne Bettwäsche hatte sie ihm gekauft, damit er sich nicht schämen musste, wenn Besuch kam. Wenn ein Mädchen kam. Der Gedanke schreckte sie. Doch, dass es ihm egal gewesen war, die Sache mit der Bettwäsche, das rührte sie irgendwie. Sie setzte sich gerade und atmete aus. Die Zimmertür hatte sie offen gelassen. Zur Sicherheit. Falls sie es nicht aushalten würde, wahrscheinlich. Würde sie es aushalten?

Er war doch schon lange kaum noch zuhause gewesen. Aber jetzt war es eben anders. Jetzt war es endgültig. Nur noch zu den Mahlzeiten hatten sie sich gesehen: zweimal am Tag. Und dann war er meist schweigsam gewesen. Und sie auch. Sie hatte ihm nicht auf die Nerven gehen wollen. Jetzt war es noch stiller geworden: Kein Besuch mehr, keine Musik, keine Anrufe. Wenn er telefoniert hatte, war in seinem Zimmer auf und ab gegangen. Sie hatte es unten in der Küche gehört. Dann hatte sie gewusst, dass sie nicht allein war. Jetzt war sie allein.

Ihr fiel ein, dass sie einen Glasöffner kaufen wollte. Sie wusste nicht, wie diese Dinger hießen, aber sie hatte ja keinen mehr, der ihr die Marmeladengläser aufmachte, wenn sie sie nicht aufbekam. Ärgerlich schlug sie mit der Hand aufs Kissen. Schon wieder schweiften ihre Gedanken ab.

Sie sah sich um: Das Bücherregal, der Kleiderschrank, das Bett. Alles andere hatte er mitgenommen. Das Zimmer war leer. Nicht einmal der Teppich war noch da. Gut. Umso weniger Arbeit würde sie haben. Sie sollte mit den Büchern anfangen. Ihre Augen wanderten über die Titel auf den Buchrücken. Unwillkürlich hatte sie den Kopf schief gelegt, um sie besser lesen zu können. All die Helden seiner Kindheit hatte er zurückgelassen. Sie lächelte und dachte an die großen Augen, die er beim Vorlesen gemacht hatte, wenn es spannend wurde. Er hatte früh das Lesen gelernt. Trotzdem hatte er es geliebt, wenn sie ihm vorgelesen hatte. Er hatte auf dem Rücken gelegen und keinen Mucks gemacht. Die großen, braunen Augen waren die ganze Zeit auf sie gerichtet. Und wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, hatte er gebettelt, sie solle noch ein Kapitel lesen. Sie hatte nie „Nein“ sagen können. Nicht bei ihm.

Sie stand auf und öffnete den Kleiderschrank. Im Schrank lag Ersatzwäsche, für alle Fälle: Ein Schlafanzug, eine Jogginghose, ein paar T-Shirts und Bettwäsche. Der Schrank konnte stehen bleiben. Mit den Büchern sollte sie anfangen, das war das Schwierigste. Danach würde es leichter gehen.

Einmal hatte sie ihrer Schwester am Telefon erzählt, wie schwer ihr das fiel. Die hatte gelacht und gesagt: „Du spinnst“. Danach hatte sie irgendetwas von ihrem Job in der Kanzlei erzählt, und sie hatte nicht mehr darüber gesprochen. Was wusste die schon. Die hatte ja keine Kinder.

„Ist doch toll, …“, hatte ihre Schwester beim nächsten Anruf gesagt, „endlich kannst du zuhause arbeiten. Das ist total praktisch. Du glaubst nicht, wie ich dich beneide.“

Ihre Schwester hatte wirklich keine Ahnung. Sie ging zum Fenster und sah hinaus.Vielleicht wäre es eine Erleichterung, morgens aus dem Haus zu gehen. Dieses leere, stille Haus für ein paar Stunden zu verlassen. Aber natürlich war es finanziell gesehen ein Vorteil. Und auch sonst. Das stimmte schon. Trotzdem hatte sie gerne im Atelier gearbeitet, mit den Kollegen zusammen. Man war selten allein und hatte doch Ruhe zum Arbeiten. Sie seufzte.

Sie sollte sich das abgewöhnen. Sie hörte sich an, wie ein alte Frau. Ehrlich gesagt fühlte sie sich auch so. Aber das war nur eine Phase. Sie würde arbeiten, viel arbeiten. Und bestimmt würden sich neue Kontakte ergeben. Vielleicht würde sie irgendwann wieder in einer Ateliergemeinschaft arbeiten. Konnte doch sein. Jetzt musste sie erst einmal allein weitermachen. Nicht nur wegen des Ateliers. Es war ihre Aufgabe. Sie musste sich neu ausrichten, neu finden oder erfinden. Wieder zurechtfinden in ihrem Leben, das erst einmal allein weiterging. Dass aber auch alles gleichzeitg auseinanderbrechen musste.

Neuanfang. Das war doch etwas Gutes. Das Wort war schon einmal gut. Jetzt musste sie nur noch etwas daraus machen. Sie nahm sich vor, das Ganze positiv zu sehen. Sie würde sich eine Affirmation schreiben. An die Wand über dem Küchentisch. Sie setzte sich wieder aufs Bett und dachte nach. „Carpe diem“ würde passen, ist aber doch etwas abgenutzt. „Der richtige Zeitpunkt“, dachte sie. Das habe ich doch gerade gelesen: „Der richtige Zeitpunkt ist genau jetzt.“ Das ist gut.

Sie lächelte und stand auf. Dann ging sie ins Schlafzimmer und holte die leeren Kartons. Sie stellte sie im Zimmer auf den Boden und fing an, die Bücher aus dem Regal zu nehmen. Morgen würden die Handwerker kommen und die Fensteröffnungen vergrößern. Die ganze Wand sollte verglast werden. Sechs große Fenster mit je zwei Plissees, dann könnte sie den Lichteinfall optimal steuern. Sie drehte sich um und sah das Atelier vor sich:

Dort würde die Staffelei stehen. Das Bücherregal käme neben den Schrank. Wenn es soweit war, konnte sie endlich ihre Leinwände auspacken, ihre Pinsel und Farben und alles einrichten. Es fühlte sich gut an, und sie wusste, dass sie das Richtige tat. Sie drehte sich wieder zum Bücherregal und machte schnell weiter. Es war viel zu tun.

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