Sprache, Stil und Grammatik

Anlässlich einer Leseempfehlung der Schreibdilettanten habe ich vor wenigen Tagen Ludwig Reiners „Stilfibel“ aus dem Regal genommen und einen ersten Blick hineingeworfen. Leider hatte ich schnell die Nase voll. Reiners Buch beginnt mit einer kurzen Grammatik, einer Zusammenfassung der Grundlagen, als Basis für das weitere Textverständnis.

Der Kopf stimmt zu, beteuert Einsicht, doch das Lesevergnügen bleibt aus. Ich möchte zu Reiners Verteidigung sagen, dass ich mit der Lektüre vor Schlafen begonnen habe, was sicher nicht empfehlenswert ist. Und ich gehe davon aus, dass auch dieses Buch nicht lange unberührt im Regal bleibt, wohin es zunächst zurück gewandert ist.

Stattdessen habe ich zu Süskinds „Vom ABC zum Sprachkunstwerk“ gegriffen und gestehe: Das ist pures Lesevergnügen trotz, wegen oder auf jeden Fall mit Grammatik. Glücklicherweise brachte die Editon Epoca in Zürich 1996 eine Neuauflage heraus, die sich ausgezeichnet liest. Erstmals erschien das Werk 1940.

Was bei anderen tot und langweilig, schlimmstenfalls sogar totlangweilig erscheint, ist bei Süskind so lebendig, dass man sich bestens unterhalten fühlt. Die Frage nach dem guten Schreibstil ist kein stupides Folgen von Regeln. Nicht einmal die knackigen Amerikaner („Show – don’t tell“ etc.) können da mithalten. Denn Süskind geht hinter die Ver- und Gebote späterer Schreiblehrer und fragt nach dem Wesen der Wortarten, der Satzgefüge und der Sprache an sich. Wer also über Sprache und guten Stil nachdenken will, dem kann ich das Buch empfehlen.

Was mich überrascht hat, dass beide (Reiners und Süskind) die deutschen Ausdrücke verwenden, was zur Mitte des 20. Jhs offenbar üblich war. Zu meiner Schulzeit war das nicht mehr so. Wir hatten in den ersten Jahren mit Begriffen, wie „Tuwort“, „Wiewort“ usw. versucht, etwas über Sprache zu lernen. Als es dann aufs Gymnasium ging, wurde man schief angesehen, wenn  man sich dieser einfachen, beschreibenden Ausdrücke bediente. Stattdessen wurden die Lateinischen Termini benutzt, ohne dass man sie erklärte. Die meisten unserer neuen Mitschüler hatten wohl schon vorher mit diesen Fremdworten jongliert, was mir bis heute seltsam vorkommt.

Nun benutzen Reiners und Süskind eine andere Kategorie von deutschen Grammatikausdrücken, die mir bis dahin fremd war: Hauptwort, Zeitwort, Eigenschaftswort heißen sie hier. Demnach ist das Zeitwort das Verb. So habe ich wieder etwas dazu gelernt. Dass man bei genauerer Betrachtung doch zum lateinischen Ausdruck zurückkommen muss, ist eigentlich schade. Aber eine Unterscheidung des Adjektivs als Attribut oder Prädikat und des Adverbs wäre ohne sie nicht möglich. Ist denn wirklich niemand auf die Idee gekommen, deutsche Worte zu finden? Schließlich geht es doch hier um die deutsche Sprache. Das macht mich ratlos, obwohl ich es all die Jahre nie in Frage gestellt habe.

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Ein Gedanke zu “Sprache, Stil und Grammatik

  1. Ludwig Reiners steht auch bei mir im Bücherregal und wird immer wieder einmal gebraucht. Es stimmt, ein großes Lesevergnügen bietet er nicht, aber er ist trotzdem nützlich. Süskinds Buch kenne ich nicht, das ist also einen Blick wert. Danke!

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