Hans Pleschinski: Königsallee

Im Sommer 1954 trifft der nach Europa zurückgekehrte Thomas Mann in Düsseldorf zu einer Lesung ein. In seiner Begleitung: seine Frau Katia und Tochter Eri(ka). Letztere teilt sich in Konkurrenz mit der Mutter die Sorge um das Wohlergehen des fast 80jährigen Vaters.
Zur gleichen Zeit kehrt Klaus Heuser mit seinem einheimischen Gefährten aus Summatra zurück, wo er die Kriegs- und NS-Zeit in unbekümmert kolonialistischer Lebensart verbrachte. Allein die Erscheinung des Dunkelhäutigen zieht viele Blicke auf sich.

In Pleschinskis Roman treffen Heuser und Mann nach fast 20 Jahren wieder aufeinander. Heuser, der Thomas Mann als 18jähriger auf Sylt begegnete, auch die Kinder (v.a. Erika und Klaus) kennenlernte, wurde eine kurze Affäre des Dichters. Er beschäftigte den späteren Nobelpreisträger noch lange, da er zur Vorlage für die Figur des Joseph wurde. Das Wiedersehen, das tatsächlich nie stattgefunden hat, birgt ein explosives Potential, das Pleschinski gekonnt ausweidet.

Der Roman steckt voller Anspielungen auf den großen Meister und sein Werk, und das auf allen Ebenen: Sprachlich und atmosphärisch führt Pleschinski den Leser in die Aura des großen Dichters zurück und lässt Figuren seiner Werke wiederaufleben. Er zitiert aus Briefen und anderen Dokumenten und schafft so eine Mannsche Welt, in der er seine Geschichte, zwischen Fakten und Fiktion gespannt, entrollt. Mit dem humorvollen Blick des Kenners zeichnet und überzeichnet er Figuren einer vergangenen Ära, die hier zu einem letzten Schlagabtausch zusammenkommen. Die Dialoge haben es in sich, können mitunter die Geduld des Lesers arg strapazieren. Doch das Ringen lohnt sich.

Pleschinski schafft es, nicht nur Thomas Mann und Klaus Heuer auferstehen zu lassen. Er vermittelt auch die Zerrissenheit der Westdeutschen nach Kriegsende, zeigt das Ambiente des Breidenbacher Hofs, das zwar etwas nüchterner geworden ist, aber immer noch nach dem Luxusleben der großbürgerlichen Vergangenheit strebt. Daneben wird die Zerstörung deutlich, die das Düsseldorfer Stadtbild prägt. Die eingeschüchterte Riege der Lokalpolitiker angesichts des hohen Besuchs, die Suche nach einer moralischen Leitfigur und nach Rehabilitation, das Aufeinandertreffen politischer Positionen, die sich in erster Linie aus dem Verhalten zum NS-Staat ergeben, dieser unüberwindbare Graben zwischen politisch Verfolgten, Mitläufern und dem unpolitisch gebliebenen Heuser, der zunächst neutral erscheint, aber eben doch durch sein Weggehen und Wegbleiben eine Haltung eingenommen hat, das alles trifft hier zusammen. Und diese Fülle von Material, die der Autor geschickt in Beziehung setzt, ist eine weitere, politische und historische Dimension dieses Romans.

Keine leichte Kost, aber doch lohnenswert.

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2 Gedanken zu “Hans Pleschinski: Königsallee

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