Wilde und Hamsun

Am 31. Juli postete Matthias Engels, dass sein Roman zum Druck freigegeben sei. „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun“ heißt das Buch in voller Länge. Der Klappentext überzeugte mich umgehend: Ich habe es sofort bestellt. Erscheinungsdatum war 2.9.2015. Zwei Tage später lag es auf meinem Nachttisch. Leider musste ich mich erst noch durch die „Königsallee“ von H. Pleschinski arbeiten. Ist das gerade ein Trend oder geht es nur mir so, dass ich immer wieder auf diese Romane mit historischem Hintergrund stoße?

Engels selbst verwies auf Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“, das ich mit Vergnügen las. Pleschinski war etwas schwerere Kost, aber durch seine Raffinesse durchaus spannend. Die Verquickung von Fakten und Fiktion hat einen besonderen Reiz, dem man sich schwer entziehen kann. Wozu auch? Ist es nicht genau das, was Geschichtenerzähler wollen? Irgendwie fragt man sich ständig: „War das wirklich so?“ Doch der Autor lässt gerne die letzten Fragen unbeantwortet, schmunzelt vielleicht über diese kindliche Neugier und genießt den Wissensvorsprung. Lassen wir ihm das schwer erarbeitete Vergnügen. (Im Anhang führt Engels einige Quellen auf.) Und lassen wir uns auf eine Geschichte ein, die so oder auch ganz anders hätte passieren können.

„Roman“ steht neben dem Namen des Autors. Anfangs war ich mir nicht so sicher.

In unregelmäßigem Wechsel werfen wir einen Blick in das Leben Oscar Wildes und Knut Hamsuns: Der eine ein bekannter Klassiker, der andere schon zu Lebzeiten unbekannter. Erst spät kam Hamsun zu Ruhm. Die Bedingungen waren denkbar unterschiedlich. Hamsun kam aus einfachsten Verhältnissen, musste lange hart arbeiten, um schreiben zu können. Wilde war Teil der höheren Gesellschaft und flanierte durch die Salons der besseren Häuser und parlierte über Ästhetik.
Die Zufälligkeit der fast zeitgleichen Reise über den Atlantik nach Nordamerika nimmt Engels zum Anlass, von den ungleichen Dichtern zu erzählen. In kurzen Einblicken holt er den Leser in die recht unterschiedlichen Lebenswelten. Man hat den Eindruck, einer Dia-Show beizuwohnen, in der man kurze, eindringliche Bilder präsentiert bekommt. Denn das ist es, was er mit seiner Sprache erzeugt. Dieser Effekt zeigte sich besonders klar in der Szene, wo Wilde den Fotografen Sarony aufsucht (S. 62 ff.), um sich portraitieren zu lassen. Die Bilder von Oscar Wilde, seine langen Haare, das markante Gesicht, die kostümartige Keidung und vor allem seine Haltung – alles hat man sofort vor Augen. Jeder hat sie schon einmal gesehen, und Engels schafft es, diese Bilder aus dem Unterbewussten zurückzuholen. Die Klarheit seiner Bilder bleibt faszinierend, hält den Leser gebannt.

Engels umreißt eine ganze Epoche in seinem Buch, angefangen 1881 mit der Überfahrt der beiden Dichter bis zu Hamsuns Tod im Jahr 1952. Wilde stirbt bereits im Jahr 1900.

Beide erleben Aufstieg und Fall, beide scheitern an ihrer Unfähigkeit, die Grenzen der Gesellschaft ihrer Zeit zu erkennen bzw. anzuerkennen. Beide scheitern auf eine sehr persönliche Art, die den Leser berührt, aber auch abstößt. Matthias Engels zeigt Sympathisches und Abstoßendes, kleine und große Eitelkeiten bis hin zur Selbstüberschätzung, die letztendlich zum Absturz führt.

Diese von ihm generierte Geschichte, die durch die Verwringung der beiden Lebenswege erst als solche entsteht, erzählt Engels in unaufgeregter Weise. Nie hat man das Gefühl, einer ganz großen Sache auf der Spur zu sein. Stets sind es die kleinen Dinge, die er in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt. Und so mag es ihnen selbst vielleicht auch gegangen sein. Das große Ganze sieht man erst im Nachhinein. Und so ergeht es auch dem Leser, der erst auf den letzten Seiten begreift, wie Engels den Bogen schlägt, der beide Wege verknüpft. Erzählt wird nicht nur die Geschichte zweier ungleicher Dichter, es ist auch der Abschied von einer vergangenen Epoche, ein Zeitenwandel, dem das Ende des zweiten Weltkriegs einen donnernden Schlussakkord verpasst, bevor eine neue Zeit beginnen kann.

P.S.
Ich möchte darauf hinweisen, dass dies kein Bücherblog ist. Das Rezensieren ist weder mein Anliegen, noch beanspruche ich, sachlich und allgemeingültig zu sein. Ich lese Bücher aus der Sicht des Schreibenden und versuche, diese Reflexionen festzuhalten und zu ordnen.
Dennoch können Sie meinen Artikel als Empfehlung verstehen, da ich jedem, der an Literatur, der Epoche und den Herren Wilde und Hamsun Interesse hat, das Buch ans Herz legen möchte.

Advertisements

5 Gedanken zu “Wilde und Hamsun

schreib, was du denkst!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s