Der verloren Bruder – Literaturverfilmung

Gestern Abend zeigte das ARD die Verfilmung der Erzählung von Ulrich Treichel. Da ich das Buch vor kurzem gelesen habe, war mir vieles präsent, als ich den Film sah. Eine solide Arbeit, könnte man sagen. Der Film bleibt nah am Buch, die Schauspieler machen ihre Arbeit gut, die Zeit (frühe 50er Jahre) wird besser abgebildet als in vielen anderen Produktionen. Ein guter Film also?

Ich habe mich gefragt, welchen Eindruck der Film auf jemanden macht, der das Buch nicht kennt. Und ich glaube, er kommt recht belanglos daher. Irgendwie wird das Anliegen des Films nicht deutlich. Woran liegt das?

Verglichen mit dem Buch fehlt natürlich vieles. Und dass die Stimme des Autors hin und wieder durch eine Erzählstimme aus dem „Off“ eingebracht wird, halte ich für keine gute Lösung. Ich empfinde das immer als Schwäche des Films, als Notlösung. Der Film sollte stattdessen mit eigenen Mitteln arbeiten. Für die Stimme gibt es daher Punktabzug, auch wenn ein guter Wille dahinter stecken mag. Guter Wille reicht eben nicht.

Was den Film in meinen Augen fad und belanglos macht, ist der fehlende Mehrwert. Ein Film muss mit seinen eigenen Mitteln arbeiten, mit bewegten Bildern. Natürlich tut er das auch; er zeigt uns, was geschieht anhand von Bildern. Aber mehr auch nicht, leider. Leider zeigt er nur die äußere Handlung.

Der Subtext geht verloren, da wir ja im Film (optimaler Weise) nur Dialogtext haben. Den Rest müssen die Bilder übernehmen. Sie müssen den Subtext, die Atmosphäre, die wesentlichen Motive der Geschichte transportieren. Dafür gibt es ja die vielen technischen Möglichkeiten (Kameraführung, Perspektiven, Zeitverzerrung, etc.), die mehr können, als eine Handlung widergeben. Das sind die Mittel des Films, die eine eigene Sprache des Regisseurs ermöglichen. Eine Verfilmung sollte – wie eine Bühnenaufführung- immer eine Interpretation sein. Verzichtet sie darauf, eigenes hinzuzufügen und mit eigenen Mitteln zu arbeiten, macht sie sich selbst überflüssig.

Zum Beispiel wird Arnold (der verlorene Bruder) nur einmal im Fotoalbum gezeigt. Das ist im Buch auch so. Stattdessen wird ständig von ihm gesprochen. Um die dauernde und störende Präsenz des abwesenden Bruder, durch den sich der anwesende Bruder Max verdrängt sieht, im Film zu zeigen, müsste man genau das tun: ihn zeigen. Und das immer wieder. Arnolds Bild sollte (im Film) nicht im Album kleben, sondern vielleicht auf der Anrichte stehen und immer wieder zwischen Mutter und Max geraten.

Auch die Absurdität der ärztlichen Untersuchungen, mit denen die Verwandtschaft zum Findlingskind (dem vermeintlichen Arnold) bewiesen werden soll, wird nur sprachlich dargestellt. Es wird penibel wiederholt, was im Buch zu lesen ist. Warum keine aberwitzigen Nahaufnahmen zeigen, die Vermessung und Verrechnung der Körperteile zugespitzt in entsprechend technischem Ambiente der 50er Jahre zeigen, die ja auch der Beginn der Alltagstechnisierung war? Auch hier bleibt der Film mit seinen Mitteln weit hinter den Möglichkeiten, obwohl das Buch die Richtung vorgibt (Radio, TV, neues Auto – man  geht mit der Zeit). Aber zeigen muss es der Film. Denn der Film ersetzt Worte durch Bilder.

Leider war in der Verfilmung „Der verlorene Bruder“ keine solche Handschrift erkennbar. Der Film hat nichts gezeigt, was nicht schon im Buch zu lesen ist. Und da die Stimme des Autors fehlt, bleibt der Zuschauer mit einem Stück zurück, das nicht viel mehr Begeisterung auszulösen vermag, als eine Textzusammenfassung. Etwas mehr Mut wäre nötig gewesen. Vielleicht war der Respekt vor dem Original zu hoch. Den guten Willen kann man ihm nicht absprechen. Aber: Guter Wille reicht eben nicht.

Schade, dass der Film weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Denn das Ensemble war nicht nur gut gewählt, es hat auch sein Möglichstes getan. Nicht nur Noah Kraus überzeugte in der Rolle des Max. Vor allem Charly Hübner und Johanna Gastdorf sind wirklich gut.

Wer auch enttäuscht war, dem empfehle ich das Buch von Ulrich Treichel.

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2 Gedanken zu “Der verloren Bruder – Literaturverfilmung

  1. Tja, da lobe ich mir meinen – inzwischen – reinen Männerhaushalt. Denn so kam ich gar nicht in die Verlegenheit, was anderes zu schauen als Championsleage (und nebenher ein paar Texte aus meiner Schreibgruppe zu lesen und zu kommentieren).

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