Shirin Kumm: Der Blick hinab

… ist ein märchenhafter Roman, in dem nichts wirklich scheint. Viel Symbolhaftes finde seinen Platz in der Geschichte von Maxima (Bruder) und Minima (Schwester), die in Teheran aufwachsen. Der Vater ist ein Kauz, wird aber geachtet. Obwohl er ’s nicht ist, nennen ihn alle Professor. Die Mutter, eine Deutsche ohne eigene Ambitionen, lebt nur für ihn. Die Eltern leben in ihrer eigenen Welt, überlassen die Kinder sich selbst. Diese heften sich aneinander, spielen im nachbarlichen Garten, suchen die Nähe des Hauspersonals, denn von der Mutter ist keine zu bekommen.

Als sie erwachsen werden, schickt man sie in die Welt hinaus – nach Deutschland zur Urgroßmutter. Diese nimmt die Rolle der weisen Frau ein. Wie sie mischt sie sich niemals ein, antwortet nur, wenn sie gefragt wird. Der Junge fühlt sich zu Männern hingezogen und entflieht dem kleinbürgerlichen Leben. Dass er nach Amerika geht, kann wiederum nur symbolhaft sein, denn tatsächlich sind die Zwänge dort viel stärker als in Europa.

Minni bleibt bei der Urgroßmutter im fremden Deutschland. Auf der Suche nach dem Glück scheitert sie, fühlt sich allein und verlassen. Der Bruder fehlt. Und sie schafft es nicht, die Liebe zu finden, nach der sie sich ein Leben lang sehnt. Schrecken und Tod fehlen nicht in diesem märchenhaften Roman und werden überwunden. Die Möglichkeit von Liebe wird nicht ausgeschlossen. Doch findet Minni sie nicht, und ein „Wenn-sie-nicht-gestorben-sind,…“ gibt es auch nicht.

Die Geschichte wird aus der Rückschau erzählt. Wobei die Umstände der Situation, aus der Minni zurückschaut, erst im Laufe der Geschichte klar werden. Sie springt vor und zurück. Und so nähert sich der Leser mit zunehmendem Tempo dem Aufprall, der hart und unwiederbringlich scheint, bevor sich mit metaphysischem Sprung alles löst.
In einer sehr direkten und poetischen Sprache breitet Shirin Kumm die Geschichte aus. Sie findet Worte, die oft überraschend einfach sind, benennt alles, was man im wirklichen Leben meist verschweigt:

„Wann ist gleich?“, fragte sie einmal ihren Vater, als sie klein war. „Wenn einem danach ist“, antwortete er, erstaunt über die Frage, (S.115)

Ob sie am Leben sind? Vielleicht atmen sie nur noch. Ein und aus. (S.49)

Ich habe versagt, denke ich. Vielleicht, weil meine Seele mich im Stich ließ, sie kam nie ganz bei mir an, brach entzwei und hinkte nur zur Hälfte hinterher. (S.82)

Ein besonderes Buch, auch sprachlich, sehr lesenswert. Zu finden in der Bücherliste 2015.

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2 Gedanken zu “Shirin Kumm: Der Blick hinab

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