„Altes Land“ von Dörte Hansen

Anfangs enttäuschte mich dieses Buch, das im Tonfall der Kolumne mit der ganzen Welt abzurechnen scheint. Der Einstieg ist schwierig: zu viele Sprünge zwischen Zeiten, Schauplätzen und Figuren. Auf Umwegen muss man sich dem Kern der Geschichte nähern. Die zentrale Figur macht sich rar, versteckt sich hinter den vielen anderen, die so unbedeutend, belanglos sind. Warum sich damit herumschlagen?

Das langsame Bloßlegen der Geschichte, die sich nicht leichtfertig hergibt, ist sicher gewollt. Es ist ein entdeckender Prozess, der Einsatz erfordert; lesend ertasten, sich einlassen. Das scheint angemessen und ist vielleicht genau richtig.

Was dennoch aufstößt, ist die Abrechnung mit den Nebenfiguren, den Platzhaltern: der Ex, die Vollzeitmütter – das alles kennen wir und wollen es nicht hören oder lesen. Zu viele Klischees, zu viel Fassade, hinter die nicht geschaut wird. Warum auch?
Das alles spielt ja keine Rolle in dieser Geschichte – ein Grund mehr, das abzukürzen, anstatt ihm hier einen Platz einzuräumen, der ihm nicht gebührt. Sprachlich wird mit einer Gruppe von Figuren abgerechnet, die nur Schemen  sind, also nicht real, nur in unseren Vorstellungen existieren. Vorurteile nennt man so etwas, Stammtischgerede – ohne Bedeutung.

Die Wut einer Figur, die Schwierigkeit, ihre eigene Identität zu finden in einer Welt, die so fremd erscheint, kann man anders zeigen. Aber Anne, die alles ins Rollen bringt, handelt wenig, und wenn, ist es nicht nachvollziehbar. Widersprüche werden nicht offengelegt. Man sieht bloß, wohin sie führen. Die Figur selbst bleibt stets auf Distanz, will sich dem Leser nicht zeigen.

Anders ist es bei Vera, Annes Tante. Ihr rücken wir auf den Pelz. Sie ist die Aktive. Sie spricht wenig, handelt aber aus einem starken Antrieb, der einleuchtet. Die Wucht ihrer Taten und Untaten, die kargen Worte bringen sie uns näher. Sie erleben wir klarer, als die Nichte, die sich hinter leeren Worten und unklaren Taten versteckt.

Die zweite Hälfte des Buchs versöhnt den Leser und belohnt ihn mit einem Gefüge, das doch noch ein Ganzes hervorbringt. Die Figuren gewinnen an Kontur, wachsen ans Herz – nur Anne bleibt halt- und gesichtslos. Und doch: den Anfang wünschte man sich klarer strukturiert. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Autorin selbst Mühe hatte, sich dem Kern der Geschichte zu nähern.

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