Recherche – Nachschlag zum ersten Manuskript

Da es sich bei meinem ersten Manuskript um ein Jugendbuch handelt, hüpfte mir mein Anschauungsmaterial täglich vor der Nase herum, gähnte an meinem Frühstückstisch, erzählte nach der Schule empörende Geschichten aus der Welt der Ungerechtigkeiten, stöhnte genervt, wenn eine meiner Bemerkungen die dreißig Jahre Altersunterschied zwischen ihr und mir allzu sehr bloßlegte.

Als Mutter von Teenagern fühlt man sich manchmal unendlich alt. Fast alles hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert und manches davon schleicht unbemerkt an Menschen vorbei, die in der Welt der Erwachsenen leben.

Es blieb mir gar nichts anderes übrig: Ich musste meine Kinder wie Geschöpfe einer anderen Spezies betrachten, ihre Verhaltensweise und Sprache studieren, Interviews führen. Manchmal hakte ich nach,  vergewisserte mich:
„Sagt das heute noch einer?“
„Würdest du das auch so machen?“
„Findest du das einleuchtend?“

Was den Faktencheck angeht, war das www. meine erste Anlaufstelle. Hierbei ging es um Fragen des Adoptionsrechts, um Wachstumstabellen, Entfernungen und Fahrzeiten.
Da ein Kapitel der Geschichte in Istanbul spielt, fuhr ich mit meiner Tochter in den Ferien dorthin. Wir sahen uns  mögliche Schauplätze an, erspürten die Atmosphäre auf dem Großen Bazar, fuhren über den Bosporus auf die andere Seite der Stadt.
Wir verbrachten einen halben Tag damit, den öden Fähranleger am östlichen Ufer aufzusuchen, machten Fotos, aßen dort, wo die Einheimischen saßen und fühlten uns ziemlich unaufgehoben.
Wir stolperten durch aufgerissenes Pflaster, das halbmetertiefe Pfützen beherbergte, irrten in klammen Jeans durch die Altstadt und bezahlten zu viel.
Wir staunten uns in der Aya Sofia die Augen aus dem Kopf, bedeckten unser Haar mit großen Tüchern, waren bemüht und beeindruckt.

Endlich erwies uns der Himmel die Gnade und riss auf. Wir standen vor dem Galataturm in der Schlange, bis wir genug davon hatten und auf den Aufstieg verzichteten. Wir fuhren auf dem Bosporus und entkamen endlich der Enge der Stadt unter grauen Wolken. Endlich gab es Weite, frischen Wind, blauen Himmel. Und dort, auf dem Bosporus, der Hauptschlagader dieser fremden, alten Stadt spürten wir schließlich ihren Atem.

Es war eine unverzichtbare Reise, von der ich wenige Tagebucheinträge, etliche Fotos und noch mehr Eindrücke mitbrachte, die hoffentlich im Text wiederzufinden sind. Eine Recherche-Arbeit, die wenig nach Arbeit roch.

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