Daniel Kehlmann: F

Ein raffiniertes Spiel mit den Perspektiven: Drei Söhne und ihr Vater, kaum miteinander verbunden. Ihre Beziehung hat wenig Kraft, weder eine positive, bindende noch eine negative, zerstörende. Es ist eher der Mangelzustand, den die Söhne gleichermaßen empfinden, die sie aber nicht näher zusammenbringt. Eher noch treibt er sie auseinander, fördert das Misstrauen gegen die anderen, begünstigt das Kreisen um sich selbst.

Allen drein gelingt es nicht, den Zugang zum eigenen Selbst zu finden. Mit dem Vater, der von einem Tag auf den anderen verschwand, um zu schreiben, scheint auch ein Stück ihrer selbst sie verlassen zu haben.
Alle paar Jahre lässt der Vater sich blicken. Doch erscheint er belanglos im Vergleich zu den Büchern, die ihn berühmt machen. Seine Söhne lesen sie wie Orakel, die, wenn sie es nur richtig anstellten, ihnen sagten, was sie im Leben falsch machten, und wie es richtig ginge. Doch die Erkenntnis stellt sich nicht ein. Die Treffen mit dem Vater sind ebenso enttäuschend. Er ist ein trotziger Mensch, der spürt, was sie von ihm erwarten und es ihnen deshalb verwehrt.

Es ist derselbe Trotz, der ihn aus der Familie trieb. Ein Besuch bei einem Hypnotiseur förderte den Widerstand des Vaters zu Tage, der sich nicht in die Karten schauen lässt. Um den Beweis anzutreten, dass nur er selbst Herr über sein Schicksal ist, verlässt er die Familie, fängt an zu schreiben. Er hat damit Erfolg, doch die Söhne verlieren den Halt.

Der Vater bleibt er ein Fremder. Nur durch seinen Lebenswandel, durch das trotzige Nichterfüllen von Erwartungen spricht er zu den Söhnen, doch das bemerken sie nicht. Zu sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt, mit ihrem eigenen Scheitern, das sie bewusst erleben und doch nicht verhindern können.

Im Glauben, im Erfolg und in der Kunst suchen die Söhne ihren Weg.

Martin, der Älteste, sucht als Priester den Glauben, hadert und begreift, dass er nicht glauben kann. Der Mutter fühlt er sich nah, die Brüder begreift er nicht, versteht nicht, was sie vom Leben erwarten.

Die Jüngeren, Eric und Iwan, sind Zwillinge und Kinder einer zweiten Frau. Ihre Vertrautheit miteinander empfinden beide als ein Ausgeliefertsein. Keiner traut dem Anderen, man geht sich aus dem Weg, behält seine Geheimnisse für sich. Die Chancen, die im Vertrauen liegen, haben sie nie erkannt. Und letztlich scheitern sie daran: an ihren Alleingängen.

Das ganze Gefüge ist so kunstvoll arrangiert, dass sich dem Leser die Zusammenhänge und Wechselwirkungen Kapitel für Kapitel erschließen. Der Erzähler nimmt nacheinander die Perspektive des Vaters und der drei Söhne ein.

Zum Schluss kommt die Enkelin zu Wort, was dem Buch seine Schwere nimmt. Auch sie kennt die Geborgenheit nicht und bleibt allein unter der Trennung der Eltern und der Auflösung von Haus und Familie. Doch der unverklärte Blick des Kindes birgt immerhin, was den Leser versöhnen kann: Hoffnung.

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