John Irving: Straße der Wunder

Dieser neueste Roman von John Irving steckt voller Figuren, die eigenwillig und liebenswert sind, und gerade daher so menschlich erscheinen. Ganz selbstverständlich erzählt Irving von Wundern und hellseherischen Fähigkeiten, von einem Leben in Armut und Elend, vom Glauben und dem sehnlichen Wunsch, an Wunder zu glauben. Auf unnachahmliche Weise gelingt es ihm, die Themen Sex, Glaube, Liebe und Tod miteinander zu verweben.
Die Geschichte spielt nicht in den USA, sondern in Mexico und unterscheidet sich dadurch von Irivings anderen Romanen. Diese Welt, in der Juan Diego und seine Schwester Lupe am Rande einer Müllkippe aufwachsen, trägt viel zu der Stimmung bei. Die Welt des Romans entsteht mühelos vor dem geistigen Auge des Lesers, und gerade die Gleichgültigkeit gegenüber den Härten des Lebens lässt sie authentisch erscheinen.
Ein Buch, das alles ist, bloß keine Liebesgeschichte – wie der Verlag auf dem Klappentext behauptet – das ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich habe es eher als Buch über das Leben gelesen, und das ganz ohne Moral. Irving gibt keine Ratschläge, klagt nicht an, zeigt bloß, wie es sein könnte. Und klar ist, dass es auch immer ganz anders hätte verlaufen können – wie im richtigen Leben.
Als besonders typisch empfinde ich bei Irving diese Gratwanderung zwischen Entscheidung und Zufall und dem Wirken der Anderen, die immer eine Rolle dabei spielen, wie sich eine Geschichte entwickelt (oder ein Leben).  Auch wenn Juan Diego, der unfreiwillige Held dieser Geschichte, überlegt, wie es wäre, hätte er den Mut gefunden, einen Heiratsantrag auszusprechen, ist das nur ein kleines Detail. Ihm ist klar, dass sein Schicksal vor allem durch die mutigen Entscheidungen der Anderen bestimmt wurde. Mut gehört nicht zu seinen Eigenschaften, höchstens in der Fantasie. Er ist eben ein Schriftsteller.

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7 Gedanken zu “John Irving: Straße der Wunder

  1. Danke für die Rezi. Ich bin eigentlich Irving-Fan, nach den letzten Büchern stellte sich bei mir aber eine gewisse Ermüdung ein – auf gewisse Weise schreibt er, finde ich, immer denselben Roman. Deshalb meine Frage an Dich: Ist das letztlich „auch“ nur (tolle Bücher, unbenommen, das will ich gar nicht in Abrede stellen) ein typischer Irving oder gibt’s sprachlich/inhaltlich auch was Neues?
    Liebe Sommergrüße!

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