Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei

Aufmerksam geworden durch einen Artikel der Klappentexterin, landete das Buch im Mai 2016 in meiner Wunschbuchkartei. Büchern, die man wirklich lesen will, begegnet man ja immer zweimal. Als das geschah, griff ich zum Telefon und bestellte es sofort in der ortsansässigen Buchhandlung. Schnell las ich den Paasilinna zu Ende (, der mich wenig überzeugte).

Ich kann der Klappentexterin nur zustimmen. Die poetische Sprache des ungarischen Autors hat auch mich sehr berührt. Selbst bei 25° auf der Gartenliege hat die winterliche Geschichte für mich funktioniert – so wortkünstlerisch ist Gelléris Sprache, und nicht zuletzt auch die Übersetzung von Timea Tankó.

Besonders beeindruckend ist die Schilderung des Stadtlebens im frühen 20. Jahrhundert, die sich auf Erlebnisse des Autors stützt. Authentische Figuren und Schauplätze geben der melancholischen Geschichte einen würdigen Rahmen und lassen sie vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden. Entgegen aller guten Ratschläge bedient sich Gelléri ausgiebig in der Kategorie der Adjektive, schafft starke Sprachbilder, ohne in Klischees zu verfallen. Es scheint ein ganz eigener Wortschatz zu sein, den er sich erschaffen hat, oder den die urbane Gesellschaft, in der er aufwuchs, ihm vor die Füße gelegt hat. Besonders – aber nicht nur – die Sprache macht das Buch lesenswert.

Ein weiteres Phänomen sind die seelischen Zustände, die Gelléri beschreibt. Stehen seine Figuren unter großem Druck, erleiden sie existenzielle Krisen, taucht er in ihre traumhafte Innenwelt ein, bei der äußere und innere Realität miteinander verschwimmen und das Ausmaß ihres Dilemmas sichtbar machen. Dass auch dies ohne Wertung und ohne ein Zurückgreifen auf Denkschubladen geschieht, sondern auf eine Art, die jeder Figur gerecht wird, zeugt von der Kunstfertigkeit und der Intention des Autors.

Das Nachwort der Übersetzerin trägt viel zum Verständnis des Buches bei und macht Lust auf mehr aus dieser  Feder. Interessant ist auch der Verlag selbst, den Sebastian Guggolz eigens zu dem Zweck gründete, vergessene Bücher in neuer Übersetzung einer interessierten Leserschaft anzubieten.

 

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