Martin Kordić: Wie ich mir das Glück vorstelle

Ein Roman, der es dem Leser nicht leicht macht, sich hinein und zurecht zu finden. Eine reduzierte Sprache, kurze Sätze, wie abgehackt, die nichts verbinden. Jeder steht für sich, scheint nicht aus dem vorherigen hervorzugehen. Es ist eine Sprache, die bremst. Wie ein stotternder Motor reißt sie dich zurück, hält dich auf und fest.

Dann irgendwann schafft sie es doch, Bilder zu generieren, Bilder vom Krieg. Wir kennen sie aus dem Fernsehen, aber hier sind sie anders. Sie bleiben nicht an der Front und beim Leid der Opfer, die nur notdürftig medizinisch versorgt werden können. Sie bleiben nicht bei den zerstörten Häusern, zeigen nicht das, was wir erwarten, nicht den Krieg, wie wir ihn denken.

Die Bilder, die beim Lesen entstehen, sind die Bilder im Kopf eines Jungen, der durch seine zerstörte Welt zieht und sammelt, was es zu sammeln gibt: Patronenhülsen, Wäsche, einen herrenlosen Hund, einen einbeinigen Freund, ein Mädchen. Der Junge weint nicht. Und er lacht nicht. Der Junge sieht alles.

Haben wir dem Buch genug Zeit gegeben, merken wir, dass es keine andere Sprache dafür geben kann. Dass es angemessen richtig ist, genauso zu erzählen, was geschieht. Nicht, dass es tatsächlich erzählt würde. Und doch geht es nur um das, was nicht gesagt wird.

Besonders beeindruckend stellt der Autor die Gratwanderung der Emotionen dar. Teilnahmsloses Beobachten ist die eine Seite. Eine andere die Sehnsucht nach der Großmutter, das Kümmern um den einbeinigen Freund, um den Hund, das Mädchen. Verschwinden die Wegbegleiter, ohne die seine Wanderung zwischen den Trümmern der Stadt unerträglich wird, ist es als wehte der Wind einen Haufen Blätter fort. Er geht weiter, muss weitergehen bis zum Endpunkt seiner Reise, wo sich kein Danach mehr denken lässt.

Das Buch schildert das eigentlich Grauen des Krieges, das Verschwinden der Hoffnung, eindrucksvoll und überzeugend erzählt. Es wirkt über das Lesen hinaus, bleibt gegenwärtig, solange die Bilder auf dem Bildschirm präsent sind. Ein sehr besonderes Buch.

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