Der Hochzeitstag: Er

SCHREIBEXPERIMENT (Erläuterungen HIER)

Der Hochzeitstag

Er versuchte, sich zu sammeln, bevor der Wecker klingeln würde. Die roten Leuchtziffern übten einen unwiderstehlichen Sog aus. Er zwang sich, geradeaus auf die Decke zu starren. Sein Nacken zuckte. Gerade eben hatte er erst nachgesehen: noch zwölf Minuten. Er schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Dann zählte er seine Atemzüge.

Endlich kam er zur Ruhe. Da klingelte der Wecker. Er lächelte, schlug die Bettdecke zur Seite und stieg aus dem Bett.

(er1) Pfeifend stand er vor dem Spiegel. Er trug bereits Socken und das azurblaue Oberhemd, das er zusammen mit ihrer Freundin gekauft hatte. Jetzt legte er die Krawatte an. Eigentlich war es Routine, heute aber tat er jeden Handgriff mit besonderer Sorgfalt. Nie zuvor war er sich so sicher gewesen, das Richtige zu tun. Es war nicht zu vergleichen mit dem ersten Mal. Da war er so jung gewesen. Unerfahren. Und unsicher. Heute würde er es anders machen. Souverän. Er wollte den Tag genießen und ihr Sicherheit geben. Schließlich war es für sie das erste Mal. Alles sollte perfekt sein. 

(sie1)

Für gewöhnlich aß er morgens nichts. Aber bis zum Mittag würde es zu lang werden. Um zu vermeiden, dass sein Kreislauf schlapp machte, aß er einen Apfel. Er setzte sich dazu an den Küchentisch, kaute jeden Bissen gründlich. Er war jetzt ganz ruhig. Alles lag bereit.

(er2) Er war gut in der Zeit. In einer dreiviertel Stunde würde Martin vor der Tür stehen, der ewige Trauzeuge. Aber nein, das war jetzt doch übertrieben. Ein nächstes Mal würde es nicht geben.

Martin sah irgendwie anders aus.

Hast du abgenommen?“

Nee.“

Siehst so komisch aus!“

Ich? Du hast ja Nerven. Du siehst komisch aus, Mann. Hoffentlich nimmt sie dich so überhaupt…“

Wieso, was denn?…is ja auch egal. Komm rein, bin gleich soweit.“

Er ging noch einmal ins Bad, wusch sich die Hände. Gut sah er aus. Martin war wahrscheinlich bloß neidisch. Was soll’s? 

(sie2)


(er3) Irgend etwas stimmte mit Martin nicht. Offenbar hatte er seinen Golf gegen eine alte Klapperkiste eingetauscht. Er schloss auf, setzte sich auf den Fahrersitz, beugte sich rüber, um die Beifahrertür zu entriegeln. Nicht mal Zentralverriegelung? Wie alt war diese Kiste?

Machst du jetzt einen auf Oldtimer?“

Na hör mal. Nicht jeder kann sich einen Neuwagen leisten…“

Ja, ok. Aber deswegen muss man ja nicht gleich… Hattest du nicht schon früher mal so ei…?“

Hä?“

Schon gut. Vergiss es.“

Was meinst du?“

Vergiss es. Spielt keine Rolle.“

Verstehe. Bist nervös, was?“

Ja. Klar, Mann.“

Wirst es überleben.“ 

(sie3)

Er sagte nichts mehr dazu. Mittlerweile war ihm eingefallen, dass Martin vor Jahren genau den gleichen Ford Taunus gefahren hatte. Sogar in dieser grauenhaften Farbe. So was macht doch keiner! Hier war ganz entschieden was faul. Er musste sich in nächster Zeit mehr um ihn kümmern. Sie sollten wieder regelmäßig was unternehmen. Dann würde er ihm auf den Zahn fühlen, was es mit der Kiste auf sich hatte. Er schloss die Augen und versuchte, sich seine Braut im weißen Kleid vorzustellen. Bestimmt war es klassisch geschnitten. Das passte zu ihr. Aber bitte ohne Schleier. Das wäre doch zu altmodisch…

(er4) „Wir sind da, Alter. Noch kannst du kneifen. Na? Was sagst du? Soll ich umdrehen? Verbringen wir einen Tag am Meer…“

Quatsch. Hör auf mit dem Scheiß!“ 

(sie4)

Er kramte in seiner Tasche, nahm die Schachtel mit den Ringen heraus. Dann gab er Martin die Tasche. „Pass gut drauf auf, ja?“ Er stieg aus, steckte die Schachtel in seine Jacketttasche und sah sich um. Es war ein Wunder, dass sie einen Parkplatz bekommen hatten, so voll wie es war. Er hatte keine Lust auf Small Talk.

(er5) Seine Mutter war die erste, die ihn bemerkte. Unsicher stakste sie ihm entgegen. Das alte Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes machte ihr, neben den hohen Absätzen, das Gehen schwer. Es sah aus, als würde sie sich an ihrer winzigen Handtasche festhalten. Dass sie sich aber auch so rausputzen musste, in ihrem Alter! Auch den knallroten Lippenstift fand er übertrieben. Aber, naja…

Sie hakte sich bei ihm ein, und er führte sie sicher in die Kirche. Auf diese Weise hatten sie sich gegenseitig erlöst. Der Pastor winkte sie nach vorn, wo sie auf die Braut warten sollten. Seine Mutter war nervös. Sie redete und redete. Wie ein Wasserfall plätscherte es neben ihm. Er schenkte dem keine Beachtung. Während sich die Kirche füllte, betrachtete er den Altar. Alles kam ihm merkwürdig bekannt vor. Irgendwie schämte er sich dafür, dass es nicht sein erstes Mal war, während sie sich quasi für ihn aufgespart hatte. Naja. Jedenfalls so ungefähr. Es war nur ein Gefühl und entbehrte jeder Logik. Hin und wieder gestattete er sich solche Ausrutscher.

Endlich ging es los. Die Orgel setzte ein. Am Arm ihres Vaters schritt ihm seine Braut entgegen. Er drehte sich zu ihr um. Hart traf ihn der Ellenbogen seiner Mutter in die Rippen. Rasch drehte er den Kopf nach vorne, wo ihn der strenge Blick des Pastors zurechtwies. Endlich stand sie neben ihm. Sie trug tatsächlich einen Schleier. Es wurmte ihn, aber irgendwie fand er es auch rührend, dass sie so romantisch war. 

(sie5)

Er war gewillt, alles mitzumachen. Sie sollte glücklich sein – nicht nur heute.

Der Gottesdienst zerrte an seinen Nerven. Schon als Kind hatte er die Messe immer als Qual empfunden. Und immer, wenn er gedacht hatte, es ging dem Ende zu, hatte die Orgel noch eins drauf gesetzt, war noch ein Lied angestimmt worden, auf das man doch getrost auch hätte verzichten können. Auch heute machte ihn die Zeremonie nervös. Der ständige Wechsel von Gebet und Gesang, eine Darbietung des Chors, und schließlich kam noch eine Sopranistin zum Zuge. Scheinbar war das alles gar nicht so einmalig. Auf seiner ersten Hochzeit war es ganz ähnlich gewesen. Na gut, es war schon zehn Jahre her. Natürlich erinnerte er sich nicht mehr im Einzelnen…

(er6) Jetzt kam der Pastor auf sie beide zu sprechen. Er war gespannt bis in den kleinsten Muskel seines Körpers. Der Pastor gab der Braut ein Zeichen. Sie hob die Hände. Feierlich lüftete sie den Schleier…

Doch was war das jetzt? Moment mal!

Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Mit einem Mal wich die Spannung aus seinem Körper. Er fühlte sich wie ein Ballon, dem allmählich die Luft entwich. Seine Knie zitterten. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sie sah ihn an, war verstört. Doch je länger er mit der Fassung rang, desto mehr keimte Wut in ihr auf. Sie bemächtigte sich ihrer, formte, deformierte ihr Gesicht, grub tiefe Furchen hinein, die dort nicht hingehörten. Die Wandlung vollzog sich mit solcher Heftigkeit, dass selbst den Gästen in den hinteren Reihen der kleinen Kirche nicht verborgen blieb, dass hier etwas nicht stimmte. Etwas stimmte ganz und gar nicht!

Ungeachtet dessen hatte der Pastor fortgefahren und kam nun zu der Frage, ob er sie zur Frau nehmen wollte.

Wie bitte? Zur Frau nehmen? Sie? Aber das ist doch alles schon passiert! Natürlich wollte er das nicht. Wer würde einen solchen Fehler wiederholen? Nein, er wollte nicht. Nein. Nein…

NEIN! “

Um Gottes Willen, nein. Ich werde sie nicht zur Frau nehmen. Ganz bestimmt nicht. Weil sie nämlich gar nicht meine Braut ist. Sie ist nicht die Richtige, verstehen Sie? Das wäre der größte Fehler meines Lebens. Nein, falsch! Das WAR der größte Fehler meines Lebens.“

Mit Mühe brachten ihn seine zitternden Beine von den Stufen des Altars herunter. Ohne rechts und links zu schauen, wankte er den Gang hinunter der Tür entgegen. Martin war jetzt neben ihm. Wie aus dem Nichts war er aufgetaucht und öffnete die schwere Kirchentür. Sie gingen zum Auto. Martin machte ihm die Tür auf. Er ließ sich in den Sitz fallen und schloss die Augen.

Coole Vorstellung, Mann.“ sagte Martin anerkennend und gab Gas. Als sie an der roten Ampel standen, fügte er nachdenklich hinzu: „Gute Entscheidung.“ 

(sie6)


(er7) Eine Weile schwiegen beide. „Wohin fahren wir jetzt?“, fragte er. „Wo immer du hin willst. Dein Wunsch ist mir Befehl.“ Martin hielt an und wartete auf seine Entscheidung. Er konnte nicht klar denken, wusste nur, dass hier etwas sehr Seltsames passierte.

Was hast du übrigens damit gemeint, dass sie gar nicht deine Braut ist?“

Er holte ein paar Mal tief Luft, dann fragte er:“ Martin, habe ich schon einmal geheiratet?“

Nicht, dass ich wüsste.“

Du meinst, heute ist das erste Mal?“

Na ja, du hast nicht JA gesagt, also, würde ich sagen, steht dir das erste Mal noch bevor.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu:“ Oder?“

Seine Nackenhaare stellten sich auf. Kalter Schweiß lief ihm über die Schläfen. Er verschränkte seine Finger, um das Zittern im Zaum zu halten. Das dauerte eine Weile. Unterdessen dachte nach. Schließlich fragte er leise:

Welches Datum ist heute?“

Alter, meinst du das im Ernst? Mann, das ist dein Hochzeitstag. Und du fragst mich nach dem Datum?“

Kaum hörbar entgegnete er:

Ich frage dich nach dem Jahr, Martin.“

Voller Ernst?“

Voller Ernst.“

2003. Alles in Ordnung?“

Drei… Nicht dreizehn?“

Zweitausenddrei.“

Welcher Tag?“

Heute ist der 28.4.2003.“

Nicht der 3.8.2013?“

Nein.“

Dann war es still im Auto. Martin war verunsichert. Er überlegte, was er mit seinem Freund machen sollte. „Hast du was genommen?“

Drogen? Nein.“

Auch kein Beruhigungsmittel oder so? Vielleicht sollten wir zum Arzt fahren…“

Lass mich mal nachdenken, ok?“

Ok.“ 

(sie7)

Martin zog sein Jackett aus. Er nahm seinen Tabak aus dem Handschuhfach, drehte sich eine Zigarette, steckte sie an. Er kurbelte das Fenster runter, drehte seine Rückenlehne zurück und schloss die Augen. Genüsslich nahm er den ersten Zug.

(er8) Allmählich dämmerte ihm das Unvorstellbare, das mit ihm geschah. Die Zeit hat sich mit einem Sprung um zehn Jahre zurückgedreht…eine Zeitschleife… Heißt das, ich muss die letzten zehn Jahre noch einmal leben? Oder: Ich darf die letzten zehn Jahre noch einmal leben. Es könnte eine Chance sein. Aber wofür? Und warum bin ich genau an diesen Tag zurückgekehrt? Doch nicht, um vorm Altar zu stehen und NEIN zu sagen. Wir waren ja sowieso geschieden. Was würde sich dadurch ändern?

Was könnte sich ändern, wenn ich jetzt etwas anders machen würde als damals? Was ist noch passiert? Ist etwas Wichtiges passiert an diesem Tag, etwas das nicht hätte passieren sollen? Etwas Folgenschweres, das nicht rückgängig zu machen wäre…

Irgendetwas war da…

Es hatte mit dem Jungen zu tun…

…war das damals passiert?

Am Hochzeitstag?

Das Auto…

…es hätte dort nicht stehen dürfen…

…ich…

MARTIN. Fahr zu mir. Sofort!“

Martin hustete. Vor Schreck hatte er falsch geatmet. Genervt warf er die Zigarette aus dem Auto und sah seinem Freund ärgerlich ins Gesicht.

Was ist los mit dir?“, herrschte er ihn an.

Wie spät ist es?“

Bin ich die Zeitansage?“

Wie spät, verdammt noch Mal?“

Es ist elf Uhr siebenundvierzig. Heute ist der achtundzwan-“

Ja, schon gut. Fahr jetzt. Schnell.“

Martin zögerte.

SOFORT !!! “

Martin seufzte und startete den Motor. Dann drehte er auf der leeren Straße und gab Gas. 

(sie8)


(er9) Als sie vor dem Haus ankamen, floss der Verkehr friedlich. Es war nicht besonders viel los um die Zeit. Sein Auto stand am Straßenrand im Halteverbot. Mitten in der Kurve. Abends war immer schwer ein Parkplatz zu kriegen. Jetzt waren genug freie Plätze da. Er ließ Martin in die nächste Querstraße einbiegen und dort anhalten. Sobald der Wagen stand, sprang er heraus, lief zu seinem Auto. Dann kramte er in den Hosentaschen. Die Schachtel mit den Ringen war das einzige, das er bei sich hatte. Wütend warf er sie weg, lief zurück zu Martins Wagen. Die Tür stand noch offen. „Wo ist meine Tasche?“ Martin zeigte mit dem Daumen auf die Rückbank. Er riss die hintere Tür auf, nahm die Tasche, zerrte am Reißverschluss und kippte den Inhalt auf den Sitz. Kein Autoschlüssel! Stattdessen nahm er den Hausschlüssel. „Warte hier. Bin gleich wieder da.“

Während Martin abermals zum Tabak griff, lief er los, so schnell er konnte. 

(sie9)


(er10) Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Seine Hände zitterten so stark, dass der Schlüssel nur am Beschlag kratzte. Endlich traf er das Schloss, rüttelte an der Tür. Mit einem Satz war er in der Wohnung.

Und jetzt? Er drehte sich um. Was für ein Chaos! Das hatte er in der Frühe nicht bemerkt. Er durchwühlte das Durcheinander auf dem Telefontisch. Jetzt fiel ihm auf, was für ein altes Modell das Telefon war. Er musste sich konzentrieren. Gab es einen festen Platz für den Schlüssel? Er erinnerte sich nur, dass er ihn ständig gesucht hatte, damals, als er noch so ein Chaot gewesen war. Er sah die Garderobe, die bald einstürzen würde unter der schweren Last. Er fühlte in den Jackentaschen. Dann packte er sie nur von außen. Die Zeit drängte. Da stieß er auf etwas Festes. Gott sei dank! Der Autoschlüssel.

Sofort lief er los, stürzte auf die Straße zu. Unermessliche Erleichterung, als der Schlüssel ins Schloss passte, sich drehen ließ, und das leise Klicken ihm Gewissheit gab. Er sah noch einmal zurück auf die Straße. Alles ruhig. Stieg ein, der Motor heulte kurz auf. Er konnte sich kaum noch kontrollieren. Schnell noch einmal in den Spiegel schauen, dann fuhr er los, um die Ecke, stellte sein Auto hinter Martins. 

(sie10)


(er11) Er lief zurück zum Haus. Jetzt hörte er den Jungen. Wie klein er noch war! Fünf? Oder sechs? Der Ball rollte auf ihn zu. Er stoppte ihn mit dem Fuß. Gewonnen! Er lächelte den Kleinen an, der winkte. Er schoss ihm den Ball zu.

Aus dem Augenwinkel sah er das Auto kommen.

Es war viel zu schnell.

Machte aber nichts.

Diesmal stand sein Auto nicht im Weg.

Diesmal blieb der Junge im Hof.

Diesmal ging alles gut.

Er schloss das Tor, winkte dem Jungen zu, der sich noch einmal umgedrehte, und ging.

Martin merkte sofort, dass er wieder der Alte war. „Na? Alles wieder klar?“

Jep.“

Und: Fahren wir ans Meer?“

Jep.“ 

(sie11)

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